Der Anwalt in der Insolvenz

Nach § 14 Abs. 2 Nr. 7 BRAO ist die Zulas­sung zur Recht­san­waltschaft zu wider­rufen, wenn der Recht­san­walt in Ver­mö­gensver­fall ger­at­en ist, es sei denn, dass dadurch die Inter­essen der Recht­suchen­den nicht gefährdet sind. Ein Ver­mö­gensver­fall wird kraft Geset­zes unter anderem dann ver­mutet, wenn ein Insol­ven­zver­fahren über das Ver­mö­gen des Recht­san­walts eröffnet wor­den ist.

Der Anwalt in der Insolvenz

Die anschließende Freiga­be der selb­ständi­gen Tätigkeit des Recht­san­walts nach § 35 Abs. 2 InsO durch den Insol­ven­zver­wal­ter ist insoweit ohne Bedeu­tung. Vielmehr ist die geset­zliche Ver­mu­tung des Ver­mö­gensver­falls im Fall eines Insol­ven­zver­fahrens erst dann wider­legt beziehungsweise kön­nen die Ver­mö­gensver­hält­nisse wieder als geord­net ange­se­hen wer­den, wenn dem Schuld­ner entwed­er durch Beschluss des Insol­ven­zgerichts die Restschuld­be­freiung angekündigt wurde (§ 291 InsO a.F. bzw. § 287a InsO n.F.) oder ein vom Insol­ven­zgericht bestätigter Insol­ven­z­plan (§ 248 InsO) oder angenommen­er Schulden­bere­ini­gungs­plan (§ 308 InsO) vor­liegt, bei dessen Erfül­lung der Schuld­ner von seinen übri­gen Forderun­gen gegenüber den Gläu­bigern befre­it wird1.

Maßge­blich­er Zeit­punkt für die Beurteilung ist insoweit der Abschluss des behördlichen Wider­rufsver­fahrens2.

Liegen die Voraus­set­zun­gen des § 14 Abs. 2 Nr. 7 BRAO vor, muss die Recht­san­walt­skam­mer die Zulas­sung im Inter­esse der Recht­suchen­den wider­rufen. Hier­bei spielt es keine Rolle, welche Gründe zum Ver­mö­gensver­fall geführt haben, ins­beson­dere auch nicht, ob der Recht­san­walt seinen Ver­mö­gensver­fall ver­schuldet hat3.

Nach der in § 14 Abs. 2 Nr. 7 BRAO zum Aus­druck kom­menden geset­zge­berischen Wer­tung ist mit dem Ver­mö­gensver­fall eines Recht­san­walts grund­sät­zlich eine Gefährdung der Inter­essen der Recht­suchen­den ver­bun­den.

Im vor­rangi­gen Inter­esse der Recht­suchen­den kann diese nur in sel­te­nen Aus­nah­me­fällen verneint wer­den, wobei den Recht­san­walt die Fest­stel­lungslast trifft4.

Die Annahme ein­er der­ar­ti­gen Son­der­si­t­u­a­tion set­zt jedoch zumin­d­est voraus, dass der Recht­san­walt seine anwaltliche Tätigkeit nur noch für eine Recht­san­waltssozi­etät ausübt und mit dieser rechtlich abgesicherte Maß­nah­men verabre­det hat, die eine Gefährdung der Man­dan­ten effek­tiv ver­hin­dern5. Selb­st aufer­legte Beschränkun­gen des in Ver­mö­gensver­fall ger­ate­nen Recht­san­walts sind nicht geeignet, eine Gefährdung der Recht­suchen­den auszuschließen6.

Eine Gefährdung der Inter­essen Recht­suchen­der wird auch durch die Freiga­be der selb­ständi­gen Tätigkeit durch den Insol­ven­zver­wal­ter wed­er aus­geschlossen noch ver­min­dert7.

Abge­se­hen davon erfordert die Annahme eines Aus­nah­metatbe­stands neben dem Vor­liegen der ange­sproch­enen — hier nicht gegebe­nen — Voraus­set­zun­gen auch, dass der Recht­san­walt seinen Beruf bish­er ohne jede Bean­stan­dung (“tadel­los”) geführt hat8.

Die geset­zliche Regelung des § 14 Abs. 2 Nr. 7 BRAO ste­ht im Ein­klang mit dem Grundge­setz und dem Ver­hält­nis­mäßigkeits­grund­satz9. Da der Wider­ruf der Zulas­sung die Voraus­set­zun­gen des § 14 Abs. 2 Nr. 7 BRAO erfüllt, stellt auch der konkrete Entzug der Zulas­sung des Recht­san­walts keine Grun­drechtsver­let­zung dar.

Bun­des­gericht­shof, Beschluss vom 3. Juni 2015 — AnwZ (Brfg) 11/15

  1. st. Bun­des­gericht­shof­sr­spr.; vgl. nur Beschlüsse vom 04.04.2012 — AnwZ (Brfg) 62/11 4; vom 21.05.2012 — AnwZ (B) 6/11 6; vom 11.06.2012 — AnwZ (Brfg) 20/12 4; und vom 16.03.2015, aaO Rn. 4; jew­eils m.w.N. []
  2. siehe hierzu BGH, Beschlüsse vom 29.06.2011 — AnwZ (Brfg) 11/10, BGHZ 190, 187 Rn. 9 ff.; und vom 04.04.2012, aaO []
  3. st. Bun­des­gericht­shof­sr­spr.; vgl. nur Beschlüsse vom 31.05.2010 — AnwZ (B) 54/09 10; und vom 04.07.2014 — AnwZ (Brfg) 23/14 7; jew­eils m.w.N. []
  4. vgl. nur BGH, Beschlüsse vom 05.09.2012 — AnwZ (Brfg) 26/12, NJW-RR 2013, 175 Rn. 5; vom 04.01.2014 — AnwZ (Brfg) 62/13 5 f.; und vom 16.03.2015, aaO Rn. 5 []
  5. st. Bun­des­gericht­shof­sr­spr.; vgl. nur Beschlüsse vom 04.04.2012, aaO Rn. 6; vom 05.09.2012, aaO; und vom 16.03.2015, aaO Rn. 6; jew­eils m.w.N. []
  6. vgl. nur BGH, Beschlüsse vom 31.05.2010, aaO Rn. 8; vom 04.01.2014, aaO Rn. 6; und vom 16.03.2015, aaO Rn. 6 []
  7. st. Bun­des­gericht­shof­sr­spr.; vgl. nur Beschlüsse vom 04.01.2014, aaO Rn. 8; und vom 16.03.2015, aaO Rn. 7 []
  8. vgl. nur BGH, Beschlüsse vom 18.10.2010 — AnwZ (B) 21/10 13; und vom 04.04.2012, aaO Rn. 6 und 8; jew­eils m.w.N. []
  9. st. Bun­des­gericht­shof­sr­spr.; vgl. nur Beschlüsse vom 11.02.2014 — AnwZ (Brfg) 79/13 2 f.; und vom 22.05.2014 — AnwZ (Brfg) 15/14 7; siehe auch BVer­fG, NJW 2005, 3057 zur Par­al­lel­regelung in § 50 Abs. 1 Nr. 6 BNo­tO []