Beson­de­re prak­ti­sche Kennt­nis­se des ange­hen­den Fach­an­walts – und die Fall­ge­wich­tung

Nach § 43c Abs. 1 Satz 1 BRAO, § 2 Abs. 1 FAO hat der Antrag­stel­ler für die Ver­lei­hung einer Fach­an­walts­be­zeich­nung beson­de­re theo­re­ti­sche Kennt­nis­se und beson­de­re prak­ti­sche Erfah­run­gen nach­zu­wei­sen.

Beson­de­re prak­ti­sche Kennt­nis­se des ange­hen­den Fach­an­walts – und die Fall­ge­wich­tung

Sol­che lie­gen vor, wenn sie auf dem Fach­ge­biet erheb­lich das Maß des­sen über­stei­gen, das übli­cher­wei­se durch die beruf­li­che Aus­bil­dung und prak­ti­sche Erfah­rung im Beruf ver­mit­telt wird (§ 2 Abs. 2 FAO).

Der Erwerb beson­de­rer prak­ti­scher Erfah­run­gen im Urhe­ber- und Medi­en­recht setzt nach § 5 Abs. 1 Buchst. q FAO vor­aus, dass der Antrag­stel­ler inner­halb der letz­ten drei Jah­re vor der Antrag­stel­lung als Rechts­an­walt per­sön­lich und wei­sungs­frei 80 Fäl­le aus allen der in § 14j Nr. 1 bis 6 FAO bestimm­ten Berei­che bear­bei­tet hat, davon min­des­tens jeweils fünf Fäl­le aus den in § 14j Nr. 1 bis 3 FAO bestimm­ten Berei­chen. Min­des­tens 20 Fäl­le müs­sen gericht­li­che Ver­fah­ren sein.

Nach all­ge­mei­nem Ver­wal­tungs­pro­zess­recht gilt der Grund­satz, dass im anwalts­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren über die Ver­lei­hung der Befug­nis zum Füh­ren einer Fach­an­walts­be­zeich­nung der gesam­te Streit­stoff bis zum Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung zu ver­wer­ten ist [1]. Der betref­fen­de Vor­trag des Rechts­an­walts in der Kla­ge­schrift und in der Begrün­dung sei­nes Antrags auf Zulas­sung der Beru­fung sowie die von ihm in die­sem Zusam­men­hang vor­ge­leg­ten Nach­wei­se sind zu berück­sich­ti­gen.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs [2] ist im Anschluss an die Ermitt­lung der berück­sich­ti­gungs­fä­hi­gen Fäl­le zu prü­fen, wel­ches Gewicht den ein­zel­nen Fäl­len zukommt, das heißt ob Bedeu­tung, Umfang und Schwie­rig­keit ein­zel­ner Fäl­le zu einer höhe­ren oder nied­ri­ge­ren Gewich­tung füh­ren (§ 5 Abs. 4 FAO ; zur Ver­fas­sungs­ge­mäß­heit die­ser Rege­lung vgl. BGH, Urteil vom 08.04.2013, aaO Rn.20 ff.). Die Gerich­te haben regel­mä­ßig eigen­stän­dig zu prü­fen, ob die der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung der Rechts­an­walts­kam­mer zugrun­de lie­gen­den Fall­be­wer­tun­gen zutref­fend sind. Dem Fach­aus­schuss kommt bei der Gewich­tung der Fäl­le kein der rich­ter­li­chen Nach­prü­fung ent­zo­ge­ner Beur­tei­lungs­spiel­raum zu [3].

Zwar ist, wenn sich dem Rechts­an­walt in unter­schied­li­chen Fäl­len die­sel­ben fach­recht­li­chen Fra­gen gestellt haben, eine Min­der­ge­wich­tung der Wie­der­ho­lungs­fäl­le (nicht des ers­ten Falls) nicht zwin­gend. Sie ist jedoch gerecht­fer­tigt, wenn Wie­der­ho­lungs­fäl­le eng mit­ein­an­der ver­knüpft sind, etwa weil ihnen im Wesent­li­chen der­sel­be Lebens­sach­ver­halt und eine gleich gela­ger­te recht­li­che Pro­ble­ma­tik zugrun­de liegt [4]. Dies trifft auf die Fäl­le 134 und 135 zu. Ihnen lagen – mit Aus­nah­me der abge­bil­de­ten Per­son – der­sel­be Lebens­sach­ver­halt und die­sel­ben Rechts­fra­gen aus dem Bereich des § 14j Nr. 3 FAO zugrun­de. Dies begrün­det eine deut­li­che Min­der­ge­wich­tung der Bear­bei­tung des Falls 135 mit einem Fak­tor von – allen­falls – „0, 5“.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 28. Novem­ber 2016 – AnwZ (Brfg) 53/​15

  1. BGH, Urteil vom 08.04.2013 – AnwZ (Brfg) 16/​12, NJW 2013, 2364 Rn. 12[]
  2. BGH, Urtei­le vom 08.04.2013 – AnwZ (Brfg) 54/​11, BGHZ 197, 118 Rn.20, 31 ; und vom 09.02.2015, aaO Rn. 63 mwN[]
  3. BGH, Urteil vom 08.04.2013, aaO Rn. 40[]
  4. BGH, Beschluss vom 20.04.2009 – AnwZ (B) 48/​08, BRAK-Mitt.2009, 177, 179 f.; Urteil vom 08.04.2013 – AnwZ (Brfg) 54/​11, aaO Rn. 38[]