Ver­trau­ens­scha­den­ver­si­che­rung für Nota­re – und die ver­säum­te Scha­den­mel­de­frist

Zur Ver­mei­dung schuld­haf­ter Ver­säu­mung einer Scha­den­mel­de­frist in den Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen einer Ver­trau­ens­scha­den­ver­si­che­rung für Nota­re (hier : vier Jah­re nach Ver­ur­sa­chung) ist die Mel­dung durch den Geschä­dig­ten jeden­falls noch vor Frist­ab­lauf bereits dann gebo­ten, wenn ihm zu die­sem Zeit­punkt Erkennt­nis­se vor­lie­gen, nach denen für den kon­kre­ten Scha­den die ernst­haf­te Mög­lich­keit eines Ver­trau­ens­scha­den­fal­les im Raum steht [1]. Für Ban­ken, die stän­dig mit Treu­hand­auf­trä­gen an Nota­re zu tun haben, besteht spä­tes­tens bei Vor­lie­gen eines mög­li­chen Ver­si­che­rungs­fal­les Ver­an­las­sung, sich über den wesent­li­chen Inhalt der Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen zu infor­mie­ren.

Ver­trau­ens­scha­den­ver­si­che­rung für Nota­re – und die ver­säum­te Scha­den­mel­de­frist

Der Berufs­haft­pflicht­ver­si­che­rer ist gemäß § 19a Abs. 2 Satz 2 BNo­tO gera­de dann vor­leis­tungs­pflich­tig, wenn wie im Streit­fall die Wis­sent­lich­keit der Pflicht­ver­let­zung des Notars in Rede steht und ande­re Leis­tungs­ver­wei­ge­rungs­grün­de des Berufs­haft­pflicht­ver­si­che­rers nicht bestehen. Die Vor­leis­tungs­pflicht des Berufs­haft­pflicht­ver­si­che­rers setzt indes wei­ter vor­aus, dass er im Fal­le einer wis­sent­li­chen Pflicht­ver­let­zung beim Ver­trau­ens­scha­den­ver­si­che­rer Regress neh­men kann ; sei­ne Pflicht wird durch die­se Regress­an­sprü­che begrenzt [2]. Sie ent­fällt des­halb grund­sätz­lich bei einer Frist­ver­säum­nis der Mel­dung des Scha­den­fal­les beim Ver­trau­ens­scha­den­ver­si­che­rer.

Etwas ande­res gilt, wenn die Frist unver­schul­det ver­säumt wur­de. Denn bleibt der Berufs­haft­pflicht­ver­si­che­rer vor­leis­tungs­pflich­tig, weil sich der Ver­trau­ens­scha­den­ver­si­che­rer in die­sem Fall auf die Ver­säu­mung der Frist nicht beru­fen kann [3] und die Regress­mög­lich­keit im Ver­hält­nis der Ver­si­che­rer damit fort­be­steht.

Das Unter­las­sen einer recht­zei­ti­gen Scha­den­mel­dung stellt ein Ver­hal­ten des Ver­si­cher­ten i.S. von § 79 Abs. 1 VVG a.F. dar. Hier­für gilt die Aus­nah­me­re­ge­lung des § 79 Abs. 2 VVG a.F. nicht. Frag­lich ist jedoch, wel­cher Maß­stab an die Prü­fung eines Ver­schul­dens der Geschä­dig­ten anzu­le­gen ist.

Das Ober­lan­des­ge­richt Köln [4] und das Ber­li­ner Kam­mer­ge­richt [5] ver­tre­ten hin­sicht­lich die­ses Maß­stabs die Auf­fas­sung, dass der Geschä­dig­te zur Abga­be einer vor­sorg­li­chen Scha­den­mel­dung beim Ver­trau­ens­scha­den­ver­si­che­rer bereits dann gehal­ten sei, wenn er – und sei es nur auf­grund einer „Gesamt­schau“ ihm bekann­ter Umstän­de [6] – all­ge­mein hin­rei­chen­de Anhalts­punk­te für das Vor­lie­gen eines Ver­trau­ens­scha­den­fal­les habe, mag er auch die kon­kret vor­lie­gen­de Pflicht­ver­let­zung noch nicht erkannt haben und mögen auch die maß­geb­li­chen Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen aus sei­ner Sicht noch nicht fest­ste­hen.

Dem­ge­gen­über ver­tritt das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen [7] die Ansicht, dass der Geschä­dig­te erst dann zur Scha­den­mel­dung gehal­ten sei, wenn er hin­rei­chen­de Anhalts­punk­te für genau die­je­ni­ge Pflicht­ver­let­zung des Notars habe, die in einem spä­te­ren Haft­pflicht­pro­zess als scha­den­ur­säch­lich fest­ge­stellt wor­den sei.

Die­se Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen ist zu eng.

Bereits in einer frü­he­ren Ent­schei­dung hat der Bun­des­ge­richts­hof aus­ge­spro­chen, dass an die Mel­dung des Ver­si­che­rungs­fal­les kei­ne hohen Anfor­de­run­gen zu stel­len sind und ins­be­son­de­re eine schlüs­si­ge Dar­le­gung nicht erfor­der­lich ist [8]. Dies ergibt sich aus dem Zweck der Mel­de­frist, die auf dem Inter­es­se des Ver­trau­ens­scha­den­ver­si­che­rers beruht, sich Gewiss­heit über sei­ne Leis­tungs­pflicht ver­schaf­fen zu kön­nen und nicht erst zu einem Zeit­punkt in Anspruch genom­men zu wer­den, in dem die Auf­klä­rung von Ursa­chen­zu­sam­men­hang und Wis­sent­lich­keit der Pflicht­ver­let­zung infol­ge Zeit­ab­laufs erschwert ist. Die­sen Zweck könn­te die Scha­den­mel­dung nur ein­ge­schränkt erfül­len, wenn ihre Abga­be erst erfor­der­lich wür­de, sobald der Ver­si­che­rungs­neh­mer oder Geschä­dig­te kon­kre­tes Wis­sen um genau die in einem spä­te­ren Haft­pflicht­pro­zess fest­ge­stell­te Pflicht­ver­let­zung des Notars hat. Abge­se­hen davon, dass es nicht in jedem Ver­trau­ens­scha­den­fall zu einem vor­he­ri­gen Haft­pflicht­pro­zess kommt, wür­de damit ein Wis­sen vor­aus­ge­setzt, dass bereits eine schlüs­si­ge Dar­le­gung der wis­sent­li­chen Pflicht­ver­let­zung ermög­licht. Des­halb ist eine Scha­den­mel­dung jeden­falls noch vor Frist­ab­lauf bereits dann gebo­ten, wenn dem Ver­si­che­rungs­neh­mer oder dem Geschä­dig­ten zu die­sem Zeit­punkt Erkennt­nis­se vor­lie­gen woher auch immer die­se rüh­ren mögen , nach denen für die­sen Fall die ernst­haf­te Mög­lich­keit eines Ver­trau­ens­scha­den­fal­les im Raum steht.

Nach die­sem Maß­stab wird zu prü­fen sein, ob der geschä­dig­ten Bank spä­tes­tens nach der Akten­ein­sicht auch schon ohne genaue Kennt­nis von der spä­ter kon­kret fest­ge­stell­ten Pflicht­ver­let­zung hin­rei­chen­de Erkennt­nis­se vor­la­gen, die eine jeden­falls vor­sorg­li­che Scha­den­mel­dung gebo­ten erschei­nen lie­ßen, selbst wenn ihr noch kei­ne schlüs­si­ge Anspruchs­be­grün­dung mög­lich war.

Ergän­zend weist der Bun­des­ge­richts­hof dar­auf hin, dass es auf die von der Bank durch die Akten­ein­sicht gewon­ne­nen Erkennt­nis­se selbst dann ankom­men kann, wenn ihr Vor­trag zutrifft, dass sie erst im Sep­tem­ber 2004 die Akten­ein­sicht bean­tragt habe. Zwar wäre die Frist zur Scha­den­mel­dung bereits ver­säumt gewe­sen, wenn erst im Sep­tem­ber 2004 oder noch spä­ter gewon­ne­ne Erkennt­nis­se hin­rei­chen­den Anlass zu einer Scha­den­mel­dung gaben. In die­sem Fall hät­te die Bank jedoch zur Ver­mei­dung eines Ver­schul­dens die Scha­den­mel­dung unver­züg­lich nach­ho­len müs­sen [9], was sie eben­falls nicht getan hat.

Soweit das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen [10] ein feh­len­des Ver­schul­den der Geschä­dig­ten des­halb ange­nom­men hat, weil sie kei­ne Kennt­nis von der Aus­schluss­frist in den Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen haben muss­te, ver­mag auch die­se Erwä­gung nicht zu tra­gen.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat für den Ver­si­che­rungs­neh­mer selbst bereits ent­schie­den, dass die­ser sich zumin­dest nach Ein­tritt eines Ereig­nis­ses, das einen Ver­si­che­rungs­fall dar­stel­len könn­te, über den wesent­li­chen Inhalt der Bedin­gun­gen infor­mie­ren muss ; ande­ren­falls beru­he sei­ne Unkennt­nis auf Fahr­läs­sig­keit [11]. Nichts ande­res besagt der vom OLG Mün­chen zitier­te Satz aus dem Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs vom 20.07.2011 [3], wonach der Geschä­dig­te sich viel­fach erst Kennt­nis von den Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen ver­schaf­fen muss. Bei Vor­lie­gen eines mög­li­chen Ver­si­che­rungs­fal­les hat er hin­rei­chen­de Ver­an­las­sung, genau das zu tun. Jeden­falls gilt dies für sol­che durch die Ver­trau­ens­scha­den­ver­si­che­rung der Nota­re geschütz­te Ban­ken, die stän­dig mit Treu­hand­auf­trä­gen an Nota­re zu tun haben.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 11. Juni 2014 – IV ZR 400/​12

  1. Fort­füh­rung von BGH, Urteil vom 20.07.2011 – IV ZR 180/​10, VersR 2011, 1173[]
  2. BGH, Urteil vom 20.07.2011 – IV ZR 209/​10, VersR 2011, 1264 Rn. 9[]
  3. BGH, Urteil vom 20.07.2011 – IV ZR 180/​10, VersR 2011, 1173 Rn. 30[][]
  4. OLG Köln, Urteil vom 22.01.2013 – 9 U 141/​12[]
  5. KG, Urteil vom 24.04.2012 – 6 U 92/​10[]
  6. so OLG Köln aaO[]
  7. OLG Mün­chen, Urteil vom 30.11.2012 – 25 U 2625/​10[]
  8. BGH, Urteil vom 20.07.2011 – IV ZR 180/​10, VersR 2011, 1173 Rn. 35[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 05.07.1995 – IV ZR 43/​93, BGHZ 130, 171, 175 für die Gel­tend­ma­chung von Inva­li­di­tät nach Ver­säu­mung der 15-Monats-Frist[]
  10. OLG Mün­chen, a.a.O.[]
  11. BGH, Urteil vom 15.04.1992 – IV ZR 198/​91, VersR 1992, 819 unter – II 2 a[]