Erstanzlich ausgeschlossene Angriffs- und Verteidigungsmittel — in der Berufung

§ 531 Abs. 1 ZPO, wonach Angriffs- und Vertei­di­gungsmit­tel, die im ersten Recht­szug zu Recht zurück­gewiesen wor­den sind, auch in der Beru­fungsin­stanz aus­geschlossen sind, ist nicht anwend­bar, wenn in erster Instanz Vor­brin­gen nach § 296a ZPO unberück­sichtigt geblieben ist1.

Erstanzlich ausgeschlossene Angriffs- und Verteidigungsmittel — in der Berufung

Bleibt ein Angriffs- oder Vertei­di­gungsmit­tel ein­er Partei deswe­gen unberück­sichtigt, weil der Tatrichter es in offenkundig fehler­hafter Anwen­dung ein­er Präk­lu­sionsvorschrift wie des § 531 ZPO zu Unrecht zurück­gewiesen hat, so ist zugle­ich der Anspruch der Partei auf Gewährung rechtlichen Gehörs (Art. 103 Abs. 1 GG) ver­let­zt2.

Die Präk­lu­sion­snorm des § 531 Abs. 1 ZPO erfasst nicht Vor­brin­gen, das nach § 296a Satz 1 ZPO unberück­sichtigt geblieben ist.

Nach § 531 Abs. 1 ZPO bleiben Angriffs- und Vertei­di­gungsmit­tel, die im ersten Recht­szug zu Recht zurück­gewiesen wor­den sind, auch für die Beru­fungsin­stanz aus­geschlossen. Diese Vorschrift ist aber nur anwend­bar, soweit Angriffs- und Vertei­di­gungsmit­tel in erster Instanz nach § 296 Abs. 1, 2 oder 3 ZPO zurück­gewiesen wor­den sind3.

Eine solche Fallgestal­tung war in dem hier vom Bun­des­gericht­shof entsch­iede­nen Fall nicht gegeben. Das Landgericht hat das geän­derte Vor­brin­gen der Beklagten nicht nach § 296 ZPO zurück­gewiesen, son­dern dieses vielmehr gemäß § 296a ZPO unberück­sichtigt gelassen, weil es sein­er Auf­fas­sung nach nicht von dem den Parteien in der let­zten mündlichen Ver­hand­lung vor dem Landgericht gemäß § 283 Satz 1 ZPO gewährten Schrift­satzrecht gedeckt gewe­sen sei.

Bei Vor­brin­gen, welch­es in erster Instanz nach § 296a ZPO unberück­sichtigt bleibt, kommt jedoch eine Anwen­dung des § 531 Abs. 1 ZPO von vorn­here­in nicht in Betra­cht4. Dies gilt unab­hängig davon, ob die Nicht­berück­sich­ti­gung in der Vorin­stanz zu Recht erfol­gt ist oder nicht.

Bun­des­gericht­shof, Beschluss vom 27. Feb­ru­ar 2018 — VIII ZR 90/17

  1. im Anschluss an BGH, Beschluss vom 21.03.2013 — VII ZR 58/12, NJW-RR 2013, 655 Rn. 10 []
  2. st. Rspr.; vgl. BGH, Beschlüsse vom 10.05.2016 — VIII ZR 97/15, GE 2016, 1207 Rn. 9; vom 20.09.2016 — VIII ZR 247/15, NJW 2017, 491 Rn. 14; vom 16.05.2017 — VI ZR 89/16, NJW-RR 2017, 1018 Rn. 8; vom 17.05.2017 — VII ZR 36/15, NJW 2017, 3661 Rn. 17; jew­eils mwN; vgl. auch BVer­fGE 69, 145, 149; 75, 302, 312 f.; BVer­fG, Beschluss vom 05.11.2008 — 1 BvR 1822/08 3 []
  3. BGH, Beschluss vom 21.03.2013 — VII ZR 58/12, NJW-RR 2013, 655 Rn. 10; BGH, Urteil vom 17.10.1979 — VIII ZR 221/78, NJW 1980, 343 unter 1 b mwN [zu § 528 Abs. 3 ZPO aF]; BVer­fGE 55, 72, 91 [zu § 528 Abs. 3 ZPO aF]; Zöller/Heßler, ZPO, 32. Aufl., § 531 Rn. 6 []
  4. BGH, Beschluss vom 21.03.2013 — VII ZR 58/12, aaO; vgl. zudem BGH, Urteile vom 10.07.1979 — VI ZR 223/78, NJW 1979, 2109 unter — II 2 b; vom 31.01.1980 — VII ZR 96/79, BGHZ 76, 133, 141; vom 10.03.1983 — VII ZR 135/82, NJW 1983, 2030 unter — II 1 [jew­eils zu § 528 Abs. 3 ZPO aF] []