Fris­t­wah­ren­de Schrift­sät­ze – Sorg­falts­an­for­de­run­gen an die anwalt­li­che Fris­ten­kon­trol­le

Auf­grund des grund­recht­lich geschütz­ten Anspruchs auf wir­kungs­vol­len Rechts­schutz (Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­prin­zip) und recht­li­ches Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG) darf einer Par­tei die Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand nicht auf­grund von Anfor­de­run­gen an die Sorg­falts­pflich­ten ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ver­sagt wer­den, die nach höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung nicht ver­langt wer­den und den Par­tei­en den Zugang zu einer in der Ver­fah­rens­ord­nung ein­ge­räum­ten Instanz in unzu­mut­ba­rer, aus Sach­grün­den nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se erschwe­ren [1].

Fris­t­wah­ren­de Schrift­sät­ze – Sorg­falts­an­for­de­run­gen an die anwalt­li­che Fris­ten­kon­trol­le

Es gehört zu den Auf­ga­ben des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten, dafür zu sor­gen, dass ein frist­ge­bun­de­ner Schrift­satz inner­halb der Frist bei dem zustän­di­gen Gericht ein­geht. Zu die­sem Zweck muss der Rechts­an­walt eine zuver­läs­si­ge Fris­ten­kon­trol­le orga­ni­sie­ren und ins­be­son­de­re einen Fris­ten­ka­len­der füh­ren. Die Fris­ten­kon­trol­le muss gewähr­leis­ten, dass der fris­t­wah­ren­de Schrift­satz recht­zei­tig her­ge­stellt und post­fer­tig gemacht wird. Erst wenn dies gesche­hen und die wei­te­re Beför­de­rung der aus­ge­hen­den Post orga­ni­sa­to­risch zuver­läs­sig vor­be­rei­tet ist, darf die fris­t­wah­ren­de Maß­nah­me im Kalen­der als erle­digt gekenn­zeich­net wer­den. Das ist im All­ge­mei­nen anzu­neh­men, wenn der fris­t­wah­ren­de Schrift­satz in ein Post­aus­gangs­fach des Rechts­an­walts ein­ge­legt wird und die abge­hen­de Post von dort unmit­tel­bar zum Brief­kas­ten oder zur maß­geb­li­chen gericht­li­chen Ein­lauf­stel­le gebracht wird, das Post­aus­gangs­fach also „letz­te Sta­ti­on“ auf dem Weg zum Adres­sa­ten ist [2].

Ein fris­t­wah­ren­der Schrift­satz ist in die­sem Sin­ne post­fer­tig gemacht, wenn die Beför­de­rung zu der Stel­le, für die der Schrift­satz bestimmt ist, orga­ni­sa­to­risch so weit vor­be­rei­tet ist, dass sie durch Ver­se­hen, wel­che die eigent­li­che Beför­de­rung nicht betref­fen, nicht mehr aus­blei­ben kann [3]. Wäh­rend eine Aus­tra­gung noch nicht erfol­gen darf, wenn die Schrift­stü­cke noch in Umschlä­ge zu sor­tie­ren sind, darf die Frist bereits aus­ge­tra­gen wer­den, wenn der Umschlag ledig­lich noch zu fran­kie­ren ist [4].

Im vor­lie­gend vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall wur­de die Orga­ni­sa­ti­on der Aus­gangs­kon­trol­le in der Kanz­lei des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers die­sen Anfor­de­run­gen nicht gerecht wur­de. Die Aus­gangs­kon­trol­le fand anhand des Fris­ten­ka­len­ders zu einem Zeit­punkt statt, zu dem der Schrift­satz noch nicht post­fer­tig war, denn die Art der Beför­de­rung hing noch von der Prü­fung ab, ob am nächs­ten Werk­tag ein Anwalt einen Ter­min bei dem Gericht hat­te, zu dem der Schrift­satz zu beför­dern gewe­sen wäre. Die­se Prü­fung stand vor der Beför­de­rung des Schrift­sat­zes, wes­halb ein Ver­se­hen dabei noch nicht die­ser zuzu­rech­nen ist. Nach der Orga­ni­sa­ti­on in der Kanz­lei des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers ende­te somit die Fris­ten­kon­trol­le, bevor der Schrift­satz post­fer­tig war und unmit­tel­bar zum Brief­kas­ten gebracht wur­de. Zu Recht hat das Land­ge­richt Darm­stadt [5] dies als man­gel­haft erach­tet.

Die Wer­tung des Land­ge­richts Darm­stadt, der Klä­ger habe auch nicht glaub­haft gemacht, dass eine Beru­fungs­be­grün­dung vom 19.04.2013 an die­sem Tage zur Post gebracht wur­de und des­halb deren Nicht­ein­tref­fen bei Gericht bis zum Ablauf der Begrün­dungs­frist nicht auf dem die Fris­ten­kon­trol­le betref­fen­den Orga­ni­sa­ti­ons­man­gel beruht, ist eben­falls nicht zu bean­stan­den. Das Beru­fungs­ge­richt hat zutref­fend erkannt, dass die vor­ge­leg­te eides­statt­li­che Ver­si­che­rung der Kanz­lei­mit­ar­bei­te­rin beim Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers und des­sen anwalt­li­che Ver­si­che­rung jeweils nur Schluss­fol­ge­run­gen wie­der­ge­ben, wonach die Beru­fungs­be­grün­dung am 19.04.2013 der Post über­ge­ben wor­den sein soll. Die­se Mit­tel zur Glaub­haft­ma­chung haben kei­ne eige­ne Wahr­neh­mung zum Ein­wurf des Schrift­sat­zes in einen Brief­kas­ten oder des­sen Auf­ga­be bei der Post bekun­det. Es begrün­det des­halb kei­nen Ver­fah­rens­feh­ler, dar­in kei­ne Glaub­haft­ma­chung für einen sol­chen Vor­gang erkannt zu haben.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. Mai 2014 – X ZB 13/​13

  1. BGH, Beschluss vom 12.04.2011 – VI ZB 6/​10, NJW 2011, 2051 Rn. 5 mwN[]
  2. BGH, NJW 2011, 2051 Rn. 7 mwN[]
  3. BGH, NJW 2011, 2051 Rn. 8 mwN[]
  4. vgl. BGH, NJW 2011, 2051 Rn. 9 und 10 mwN[]
  5. LG Darm­stadt, Beschluss vom 25.06.2013 – 7 S 45/​13[]