Beru­fungs­ein­le­gung durch den ange­stell­ten Rechts­an­walt – auf dem Brief­kopf der Arbeit­ge­be­rin

Die Beru­fungs­schrift ist als bestim­men­der Schrift­satz von einem pos­tu­la­ti­ons­fä­hi­gen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten zu unter­zeich­nen (§ 64 Abs. 6 Satz 1 ArbGG iVm. § 519 Abs. 4, § 130 Nr. 6 ZPO). Nach § 11 Abs. 4 Satz 1 ArbGG müs­sen sich die Par­tei­en vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt grund­sätz­lich durch Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te ver­tre­ten las­sen. Als Bevoll­mäch­tig­te sind außer Rechts­an­wäl­ten nur die in § 11 Abs. 2 Satz 2 Nr. 4 und 5 ArbGG bezeich­ne­ten Orga­ni­sa­tio­nen zuge­las­sen (§ 11 Abs. 4 Satz 2 ArbGG). Eine Par­tei, die nach Maß­ga­be des § 11 Abs. 4 Satz 2 ArbGG zur Ver­tre­tung berech­tigt ist, kann sich aller­dings selbst ver­tre­ten (§ 11 Abs. 4 Satz 4 Halb­satz 1 ArbGG). Die Zuläs­sig­keit der Beru­fung ist Pro­zess­vor­aus­set­zung für das gesam­te wei­te­re Ver­fah­ren. Sie ist des­halb vom Revi­si­ons­ge­richt von Amts wegen zu prü­fen [1].

Beru­fungs­ein­le­gung durch den ange­stell­ten Rechts­an­walt – auf dem Brief­kopf der Arbeit­ge­be­rin

Eine Par­tei wird nicht ord­nungs­ge­mäß ver­tre­ten, wenn der Rechts­an­walt als Ange­stell­ter der Par­tei han­delt [2]. Ein Rechts­an­walt tritt nur dann als Organ der Rechts­pfle­ge auf, wenn er außer­halb eines Arbeits­ver­hält­nis­ses han­delt, das ihn dem Wei­sungs­recht der Par­tei unter­wirft. Ist ein Rechts­an­walt bei einer Par­tei ange­stellt, obliegt es des­halb der Par­tei, dem Rechts­an­walt außer­halb sei­nes Anstel­lungs­ver­hält­nis­ses einen geson­der­ten Auf­trag und eine Voll­macht zu ertei­len [3]. Legt ein ange­stell­ter Rechts­an­walt ein Rechts­mit­tel ein, muss der Rechts­mit­tel­schrift zu ent­neh­men sein, dass der Han­deln­de als unab­hän­gi­ger Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter auf­tritt und als sol­cher ohne Bin­dung an die Wei­sun­gen sei­nes Man­dan­ten die Ver­ant­wor­tung für den Schrift­satz über­nimmt [4]. Die Fra­ge, ob eine Par­tei sich bei der Ein­le­gung der Beru­fung ord­nungs­ge­mäß hat ver­tre­ten las­sen, ist durch Aus­le­gung der Beru­fungs­schrift zu beant­wor­ten. Das Aus­le­gungs­er­geb­nis, zu dem das Beru­fungs­ge­richt gelangt ist, unter­liegt der voll­stän­di­gen Nach­prü­fung durch das Revi­si­ons­ge­richt [5].

Vor­lie­gend ist der Beru­fungs­schrift der Klä­ge­rin ist nicht zu ent­neh­men, dass ihr – als Rechts­an­walt zuge­las­se­ner – Ange­stell­ter N die Klä­ge­rin in sei­ner Eigen­schaft als Rechts­an­walt ver­tre­ten hat. Die Aus­le­gung der Beru­fungs­schrift ergibt, dass er als wei­sungs­ge­bun­de­ner Ange­stell­ter der Klä­ge­rin gehan­delt hat :

Das Aktiv­ru­brum der auf dem Geschäfts­pa­pier der Klä­ge­rin gefer­tig­ten Beru­fungs­schrift weist als Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten nicht Rechts­an­walt N, son­dern die Klä­ge­rin selbst aus. Die Anga­be „Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te : a AG, …“ ent­hält kei­nen Zusatz, der dar­auf schlie­ßen lässt, eine von der Klä­ge­rin ver­schie­de­ne Per­son han­de­le als Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te. Die Anga­be des Tätig­keits­ge­biets „Rechts­ver­tre­tung“ auf dem Brief­bo­gen ver­deut­licht, dass die Klä­ge­rin in die­sem Bereich gehan­delt hat. Dies zeigt auch das in der Beru­fungs­schrift ange­ge­be­ne inter­ne Akten­zei­chen „A‑500/11-DN“. Ein geson­der­tes (zusätz­li­ches) Akten- oder Geschäfts­zei­chen des Rechts­an­walts N fehlt. Sei­ne Bezeich­nung als zustän­di­ger „Bear­bei­ter“ bestä­tigt, dass er die Beru­fung nicht als Organ der Rechts­pfle­ge, son­dern als Ange­stell­ter der Klä­ge­rin ein­ge­legt hat.

Soweit die Klä­ge­rin gel­tend macht, das Aktiv­ru­brum habe ursprüng­lich die „Rechts­an­wäl­te der a AG“ aus­ge­wie­sen und sei ledig­lich infol­ge eines Bear­bei­tungs­ver­se­hens geän­dert wor­den, ist dies der Beru­fungs­schrift nicht zu ent­neh­men. Der von der Klä­ge­rin behaup­te­te Bear­bei­tungs­feh­ler besei­tigt den Man­gel damit nicht.

Ent­ge­gen der Ansicht der Klä­ge­rin zwingt die Erklä­rung des Bear­bei­ters N in der Beru­fungs­schrift : „… lege ich hier­mit für die Klä­ge­rin … Beru­fung ein“, nicht zu der Annah­me, dass die­ser als Rechts­an­walt die Ver­ant­wor­tung für den Schrift­satz über­nom­men hat. Als juris­ti­sche Per­son des Pri­vat­rechts kann die Klä­ge­rin rechts­ge­schäft­li­che Erklä­run­gen nur abge­ben, indem sie sich natür­li­cher Per­so­nen bedient. Die­se han­deln inner­halb der ihnen zuste­hen­den Ver­tre­tungs­macht „für“ die Klä­ge­rin. Für die Beant­wor­tung der Fra­ge, ob die Beru­fungs­schrift von Rechts­an­walt N als Organ der Rechts­pfle­ge oder als Ange­stell­ter der Klä­ge­rin gefer­tigt wur­de, ist sein Han­deln „für“ die Klä­ge­rin damit ohne Bedeu­tung.

Der Man­gel der feh­len­den Pos­tu­la­ti­ons­fä­hig­keit ist nicht geheilt wor­den. Die Pos­tu­la­ti­ons­fä­hig­keit des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ist eine Pro­zess­hand­lungs­vor­aus­set­zung [6], die grund­sätz­lich zum Zeit­punkt der Vor­nah­me der Pro­zess­hand­lung vor­lie­gen muss [7]. Zwar kann eine man­gels Pos­tu­la­ti­ons­fä­hig­keit des Han­deln­den unwirk­sa­me Pro­zess­hand­lung regel­mä­ßig durch einen pos­tu­la­ti­ons­fä­hi­gen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten geneh­migt wer­den [8]. Bei frist­ge­bun­de­nen Pro­zess­hand­lun­gen ist jedoch erfor­der­lich, dass die Geneh­mi­gung vor Frist­ab­lauf erklärt wird. Nach Frist­ab­lauf ist eine rück­wir­ken­de Hei­lung grund­sätz­lich aus­ge­schlos­sen [9]. Im Streit­fall ist die unwirk­sa­me Ein­le­gung der Beru­fung nicht fris­t­wah­rend geneh­migt wor­den. Das in voll­stän­di­ger Form abge­fass­te Urteil des Arbeits­ge­richts ist der Klä­ge­rin am 11.03.2011 zuge­stellt wor­den. Die ein­mo­na­ti­ge Frist zur Ein­le­gung der Beru­fung (§ 66 Abs. 1 Satz 1 Halb­satz 1 ArbGG) lief gemäß § 222 Abs. 1 ZPO iVm. §§ 186, 187 Abs. 1, § 188 Abs. 2 Alt. 1 BGB am 11.04.2011 ab. Vor Frist­ab­lauf ist die unwirk­sa­me Ein­le­gung der Beru­fung nicht von einem pos­tu­la­ti­ons­fä­hi­gen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten geneh­migt wor­den.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 17. Sep­tem­ber 2013 – 9 AZR 75/​12

  1. BAG 19.02.2013 – 9 AZR 543/​11, Rn. 11 mwN[]
  2. vgl. BAG 16.11.2011 – 4 AZR 839/​09, Rn.20[]
  3. vgl. GMP/​Germelmann 8. Aufl. § 11 Rn. 29[]
  4. vgl. BAG 19.03.1996 – 2 AZB 36/​95, zu II der Grün­de, BAGE 82, 239[]
  5. vgl. BGH 22.04.2009 – IV ZB 34/​08, Rn. 8[]
  6. BGH 15.03.2013 – V ZR 156/​12, Rn. 13, BGHZ 197, 61[]
  7. vgl. BGH 26.04.2012 – VII ZB 83/​10, Rn. 11[]
  8. vgl. BGH 7.06.1990 – III ZR 142/​89, zu II 3 a der Grün­de, BGHZ 111, 339[]
  9. vgl. BGH 16.12.1992 – XII ZB 137/​92, zu II 3 der Grün­de[]