Widerstreitende Interessen — und die Nichtigkeit des Anwaltsvertrags

Ein Anwaltsver­trag, mit dessen Abschluss der Recht­san­walt gegen das Ver­bot ver­stößt, wider­stre­i­t­ende Inter­essen zu vertreten, ist nichtig.

Widerstreitende Interessen — und die Nichtigkeit des Anwaltsvertrags

Gemäß § 43a Abs. 4 BRAO ist es einem Recht­san­walt ver­boten, wider­stre­i­t­ende Inter­essen zu vertreten. Auf der Grund­lage der Ermäch­ti­gung des § 59b Abs. 2 Nr. 1 lit. e BRAO konkretisiert § 3 der Beruf­sor­d­nung für Recht­san­wälte (BORA) dieses Ver­bot dahinge­hend, dass der Recht­san­walt nicht tätig wer­den darf, wenn er eine andere Partei in der­sel­ben Rechtssache im wider­stre­i­t­en­den Inter­esse bere­its berat­en oder vertreten hat oder mit dieser Rechtssache in son­stiger Weise im Sinne der §§ 45, 46 BRAO beru­flich befasst war.

Grund­lage der Regelung des § 43a Abs. 4 BRAO sind das Ver­trauensver­hält­nis zum Man­dan­ten, die Wahrung der Unab­hängigkeit des Recht­san­walts und die im Inter­esse der Recht­spflege gebotene Gradlin­igkeit der anwaltlichen Beruf­sausübung1. Die Wahrnehmung anwaltlich­er Auf­gaben set­zt den unab­hängi­gen, ver­schwiege­nen und nur den Inter­essen des eige­nen Man­dan­ten verpflichteten Recht­san­walt voraus2. Ein Anwalt, der sich zum Diener gegen­läu­figer Inter­essen macht, ver­liert jegliche unab­hängige Sach­wal­ter­stel­lung im Dien­ste des Recht­suchen­den3. Über das indi­vidu­elle Man­datsver­hält­nis hin­aus ist die Recht­spflege all­ge­mein auf die Gradlin­igkeit der anwaltlichen Beruf­sausübung angewiesen4.

Ein Ver­stoß gegen das Ver­bot des § 43a Abs. 4 BRAO führt zur Nichtigkeit des Anwaltsver­trages.

Ob § 43a Abs. 4 BRAO ein Ver­bots­ge­setz im Sinne von § 134 BGB ist, ein Ver­stoß also zur Nichtigkeit des jew­eili­gen Ver­trages führt, ist in der instanzgerichtlichen Recht­sprechung und in der Lit­er­atur umstrit­ten5 und höch­strichter­lich noch nicht entsch­ieden6.

Der Wort­laut der Norm ist ein­deutig. Die Vorschrift des § 43a Abs. 4 BRAO ver­bi­etet es dem Recht­san­walt, wider­stre­i­t­ende Inter­essen zu vertreten. Gesetz im Sinne des § 134 BGB ist jede Recht­snorm (vgl. Art. 2 EGBGB). Dass es sich bei § 43a Abs. 4 BRAO um eine beruf­s­rechtliche, keine zivil­rechtliche Bes­tim­mung han­delt, ste­ht der Anwen­dung des § 134 BGB daher nicht ent­ge­gen. Welche zivil­rechtliche Rechts­folge ein Ver­stoß gegen das Gebot des § 43a Abs. 4 BRAO nach sich zieht, ist in dieser Vorschrift allerd­ings nicht geregelt und daher im Wege der Ausle­gung zu ermit­teln.

Adres­sat des Ver­botes des § 43a Abs. 4 BRAO ist der Recht­san­walt, nicht auch der Man­dant. Ein Ver­stoß gegen ein geset­zlich­es Ver­bot, das nur einen der Ver­trags­beteiligten bet­rifft, führt in der Regel nicht zur Nichtigkeit des Rechts­geschäfts, wenn das geset­zliche Ver­bot nur die eine Seite der Beteiligten in ihren Hand­lun­gen bee­in­flussen; und vom Abschluss eines Ver­trages abhal­ten soll. Nur dann ist aus­nahm­sweise die Fol­gerung gerecht­fer­tigt, ein Rechts­geschäft sei nach § 134 BGB nichtig, wenn es mit Sinn und Zweck des Ver­bots­ge­set­zes unvere­in­bar wäre, die durch das Rechts­geschäft getrof­fene rechtliche Regelung hinzunehmen und beste­hen zu lassen7.

Der Bun­des­gericht­shof hat bere­its entsch­ieden, dass Verträge, die gegen die beruf­s­rechtlichen Tätigkeitsver­bote des § 46 Abs. 2 Nr. 1 BRAO8 und des § 45 Abs. 1 Nr. 1 BRAO9 ver­stoßen, gemäß § 134 BGB nichtig sind. Nach § 46 Abs. 2 Nr. 1 BRAO darf ein Recht­san­walt nicht tätig wer­den, wenn er in der­sel­ben Angele­gen­heit als son­stiger Berater, der in einem ständi­gen Dienst- oder ähn­lichen Beschäf­ti­gungsver­hält­nis Recht­srat erteilt, bere­its rechts­be­sor­gend tätig gewor­den ist. Nach § 45 Abs. 1 Nr. 1 BRAO darf ein Recht­san­walt nicht tätig wer­den, wenn er in der­sel­ben Rechtssache als Richter, Schied­srichter, Staat­san­walt, Ange­höriger des öffentlichen Dien­stes, Notar, Notarvertreter oder Notari­atsver­wal­ter bere­its tätig gewor­den ist. In der Begrün­dung dieser Entschei­dun­gen heißt es jew­eils, der Schutzz­weck dieser Ver­bote, näm­lich der Schutz des Ver­trauens in die Recht­spflege und die Eindäm­mung von Inter­essenkol­li­sio­nen10, laufe weit­ge­hend leer, wenn der Anwalt aus sein­er ver­botswidri­gen Tätigkeit eine Vergü­tung beanspruchen könne11. Nichts anderes gilt für das Tätigkeitsver­bot des § 43a Abs. 4 BRAO. Der ver­botswidrig geschlossene Ver­trag ist nichtig und begrün­det auch dann keine Vergü­tungsansprüche des Recht­san­walts, wenn sich die Beratung nicht im Nach­hinein als wert­los erweist und gebührenpflichtig von einem neuen Anwalt wieder­holt wer­den muss12. Berufs- und strafrechtliche Sank­tio­nen (§§ 113 ff BRAO, § 356 StGB) reichen insoweit nicht aus.

Ein Ver­stoß gegen ein geset­zlich­es Ver­bot führt allerd­ings regelmäßig dann nicht zur Nichtigkeit des Rechts­geschäfts, wenn das Ver­bot dis­pos­i­tiv ist, also von den Parteien ein­ver­ständlich abbedun­gen wer­den kann. Dis­pos­i­tive Ver­bote ver­lan­gen nicht nach ein­er grund­sät­zlichen Nichtigkeitssank­tion. Angesichts ihrer Nachgiebigkeit gilt für sie nichts anderes als für bloße Ord­nungsvorschriften, deren Sinn und Zweck eben­falls grund­sät­zlich nicht erfordert, dass ent­ge­gen­ste­hende Geschäfte nichtig sind13. Wie gezeigt, schützt die Vorschrift des § 43a Abs. 4 BRAO jedoch nicht nur die Inter­essen des jew­eils betrof­fe­nen Man­dan­ten, son­dern auch die Unab­hängigkeit des Recht­san­walts und die im Inter­esse der Recht­spflege gebotene Gradlin­igkeit der anwaltlichen Beruf­sausübung14. Hierüber kön­nen die jew­eili­gen Ver­tragsparteien nicht ver­fü­gen. Die Vorschrift des § 43a Abs. 4 BRAO ist nicht abd­ing­bar15.

Der Man­dant bleibt trotz Nichtigkeit des Anwaltsver­trages nicht schut­z­los. Hat ihm der Anwalt im Rah­men des nichti­gen Ver­trages Schaden zuge­fügt, kann er nach § 311 Abs. 2 Nr. 1 BGB Ersatz dieses Schadens ver­lan­gen16.

Bun­des­gericht­shof, Urteil vom 12. Mai 2016 — IX ZR 241/14

  1. BT-Drs. 12/4993, S. 27 f []
  2. BGH, Urteil vom 08.11.2007 — IX ZR 5/06, BGHZ 174, 186 Rn. 12; vom 23.04.2012 — AnwZ (Brfg) 35/11, NJW 2012, 3039 Rn. 10 []
  3. BVer­fG, NJW 2003, 2520, 2521 []
  4. BVer­fG, aaO []
  5. ein Ver­bots­ge­setz nehmen an OLG Karl­sruhe NJW 2001, 3197, 3199; KG NJW 2008, 1458; Vill in G. Fischer/Vill/D. Fischer/Rinkler/Chab, Hand­buch der Anwalt­shaf­tung, 4. Aufl., § 2 Rn. 353; Henssler in Henssler/Prütting, BRAO, 4. Aufl., § 43a Rn. 210; Zuck in Gaier/Wolf/Göcken, Anwaltlich­es Beruf­s­recht, 2. Aufl., § 43a BRAO/§ 3 BORA Rn. 36; Kleine-Cosack, BRAO, 7. Aufl., § 43a Rn.202; Vollkommer/Greger/Heinemann, Anwalt­shaf­tungsrecht, 4. Aufl., § 3 Rn. 18; Deck­en­brock, Strafrechtlich­er Parteiver­rat und beruf­s­rechtlich­es Ver­bot der Vertre­tung wider­stre­i­t­en­der Inter­essen, 2009, Rn. 785 ff, 791; MünchKomm-BGB/Arm­brüster, 7. Aufl., § 134 Rn. 100; Staudinger/Sack/Seibl, BGB, 2011, § 134 Rn. 220 zu § 43a Abs. 4 BRAO; aA etwa Borgmann/Jungk/Schwaiger, Anwalt­shaf­tung, 5. Aufl., § 12 Rn. 56; Knöfel, AP BRAO § 43a Nr. 1 unter II. 2.; Kil­ian, RdA 2006, 120, 123 []
  6. vgl. etwa BGH, Urteil vom 14.05.2009 — IX ZR 60/08, WM 2009, 1296 Rn. 7 mwN; vom 19.09.2013 — IX ZR 322/12, WM 2014, 87 Rn. 7 []
  7. BGH, Urteil vom 10.12 1975 — VIII ZR 306/74, BGHZ 65, 368, 370 mwN []
  8. BGH, Urteil vom 25.02.1999 — IX ZR 384/97, BGHZ 141, 69, 79 []
  9. BGH, Urteil vom 21.10.2010 — IX ZR 48/10, WM 2010, 2374 Rn. 16 []
  10. BT-Drs. 12/4993, S. 29 zu § 45 BRAO []
  11. BGH, Urteil vom 25.02.1999, aaO; vom 21.10.2010, aaO; vgl. auch Vill, ZIn­sO 2015, 2245, 2247 []
  12. vgl. hierzu BGH, Urteil vom 19.09.2013 — IX ZR 322/12, WM 2014, 87 Rn. 9 ff []
  13. BGH, Urteil vom 14.12 1999 — X ZR 34/98, BGHZ 143, 283, 288 []
  14. BT-Drs. 12/4993, S. 27 []
  15. vgl. BGH, Urteil vom 23.04.2012 — AnwZ (Brfg) 35/11, NJW 2012, 3039 Rn. 10; Vill in G. Fischer/Vill/D. Fischer/Rinkler/Chab, aaO Rn. 354 []
  16. vgl. Vill in G. Fischer/Vill/D. Fischer/Rinkler/Chab, aaO Rn. 354 []