Schrei­ben an den anwalt­lich ver­tre­te­nen Geg­ner – und das Umge­hungs­ver­bot des § 12 BORA

Zur Beant­wor­tung der Fra­ge, ob einem Rechts­an­walt ein bestimm­tes, unmit­tel­bar an die Gegen­par­tei gerich­te­tes Anwalts­schrei­ben zuzu­rech­nen ist, ist der Schutz­zweck des § 12 BORA her­an­zu­zie­hen. Das Umge­hungs­ver­bot dient vor­ran­gig dem Schutz des geg­ne­ri­schen Man­dan­ten. Hat die­ser zur Wah­rung sei­ner Rech­te die Hin­zu­zie­hung eines Rechts­an­walts für not­wen­dig erach­tet, so soll er davor geschützt sein, bei direk­ter Kon­takt­auf­nah­me durch den Rechts­an­walt der Gegen­sei­te wegen feh­len­der eige­ner Rechts­kennt­nis­se und man­gels recht­li­cher Bera­tung über­vor­teilt zu wer­den.

Schrei­ben an den anwalt­lich ver­tre­te­nen Geg­ner – und das Umge­hungs­ver­bot des § 12 BORA

Mit die­sem Schutz vor Über­rum­pe­lung dient die Rege­lung einem fai­ren Ver­fah­ren und damit dem Gemein­wohl­in­ter­es­se an einer geord­ne­ten Rechts­pfle­ge [1].

Der vor­ran­gig dem Schutz des geg­ne­ri­schen Man­dan­ten die­nen­de Zweck des Umge­hungs­ver­bots nach § 12 BORA gebie­tet es, bei der Zurech­nung eines gegen § 12 BORA ver­sto­ßen­den Anwalts­schrei­bens maß­geb­lich auf den Emp­fän­ger­ho­ri­zont der – im Augen­blick der Kennt­nis­nah­me nicht anwalt­lich bera­te­nen – Gegen­par­tei abzu­stel­len. Nicht maß­ge­bend ist dage­gen, ob das Anwalts­schrei­ben den Form­erfor­der­nis­sen des § 130 Nr. 6 ZPO oder den Vor­aus­set­zun­gen einer per­sön­li­chen Unter­zeich­nung genügt.

Ent­schei­dend ist viel­mehr, ob aus Sicht der Gegen­par­tei das unter Ver­stoß gegen § 12 BORA an sie gerich­te­te Anwalts­schrei­ben einem bestimm­ten Rechts­an­walt zuge­rech­net wer­den kann.

Hier­zu genüg­te im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall die Anbrin­gung eines Fak­si­mi­le-Stem­pels, der die Unter­schrift des Rechts­an­walts nach­bil­de­te. Denn für die Adres­sa­tin des Schrei­bens war nicht erkenn­bar, dass der Rechts­an­walt an der Bear­bei­tung nicht betei­ligt war. Sie muss­te im Gegen­teil auf­grund des Fak­si­mi­le-Stem­pels davon aus­ge­hen, dass der Rechts­an­walt der (Mit)Verfasser des Schrei­bens war und die­ses ihr mit sei­nem Ein­ver­ständ­nis über­mit­telt wur­de.

Der Rechts­an­walt hat­te im hier ent­schie­de­nen Fall, in dem von einer Kol­le­gin ein Fak­si­mi­le-Stem­pel mit sei­ner Unter­schrift ver­wen­det wur­de, auch schuld­haft gegen § 12 BORA ver­sto­ßen.

Ein Ver­stoß gegen § 12 BORA kann fahr­läs­sig began­gen wer­den [2]. Die Ver­let­zung des Umge­hungs­ver­bots des § 12 BORA stellt einen wesent­li­chen Ver­stoß gegen anwalt­li­ches Berufs­recht dar [3]. Es ist kein Grund ersicht­lich, den Schuld­vor­wurf auf vor­sätz­li­ches Han­deln zu beschrän­ken. Viel­mehr genügt – wie bei der Ver­let­zung ande­rer Berufs­pflich­ten – jedes schuld­haf­te Han­deln und damit auch Fahr­läs­sig­keit.

Der Rechts­an­walt hat, wie der Sächs­si­che Anwalts­ge­richts­hof [4] bereits in der Vor­in­stanz zutref­fend erkannt hat, fahr­läs­sig gehan­delt, indem er eine Anwei­sung dahin­ge­hend erteilt bezie­hungs­wei­se es bewusst zuge­las­sen hat, dass auf eine gro­ße Anzahl von aus­ge­hen­den Schrei­ben ein sei­nen Unter­schrif­ten­zug tra­gen­der Fak­si­mi­le-Stem­pel auf­ge­bracht wur­de, ohne dass er selbst die­se Schrei­ben zur Kennt­nis nahm und auf die Ein­hal­tung des Umge­hungs­ver­bots nach § 12 BORA über­prüf­te. Die von ihm ergrif­fe­nen Maß­nah­men genü­gen nicht den Anfor­de­run­gen, die an die von ihm zur Ver­mei­dung eines Ver­sto­ßes gegen § 12 BORA zu beob­ach­ten­de Sorg­falt zu stel­len sind.

Die Sorg­falt, die im Hin­blick auf die Ver­mei­dung eines anwalt­li­chen Pflicht­ver­sto­ßes anzu­wen­den ist, bestimmt sich nach den kon­kre­ten Umstän­den des Ein­zel­falls und ins­be­son­de­re danach, ob durch ein vor­an­ge­gan­ge­nes Ver­hal­ten des Rechts­an­walts eine gewis­se Wahr­schein­lich­keit oder Gefahr eines sol­chen Pflicht­ver­sto­ßes begrün­det wor­den ist. Vor­lie­gend ist durch die Anwei­sung bezie­hungs­wei­se das Ein­ver­ständ­nis des Rechts­an­walts betref­fend die Anbrin­gung des Fak­si­mi­le-Stem­pels auf einer sehr gro­ßen Anzahl von aus­ge­hen­den Schrei­ben die Wahr­schein­lich­keit maß­geb­lich erhöht wor­den, dass Ver­stö­ße gegen das Umge­hungs­ver­bot nach § 12 BORA (auch) ihm zuzu­rech­nen sind. Die vom Rechts­an­walt getrof­fe­nen orga­ni­sa­to­ri­schen Anwei­sun­gen ent­las­ten ihn nicht.

Dies gilt zunächst inso­weit, als allen Mit­ar­bei­tern der Kanz­lei vor­ge­ge­ben wur­de, dass kein Schrei­ben aus­schließ­lich mit einem Fak­si­mi­le-Stem­pel ver­se­hen wer­den darf und jedes Schrei­ben rechts neben dem Fak­si­mi­le-Stem­pel des Rechts­an­walts die Unter­schrift des sach­be­ar­bei­ten­den Rechts­an­walts zu tra­gen hat. Der Bun­des­ge­richts­hof ver­kennt nicht, dass hier­durch der sach­be­ar­bei­ten­de Rechts­an­walt der Pflicht zur (Mit)Prüfung unter­wor­fen wird, ob die geg­ne­ri­sche Par­tei anwalt­lich ver­tre­ten wird und das Umge­hungs­ver­bot des § 12 BORA zu beach­ten ist. Die Ein­rich­tung einer sol­chen zwei­fa­chen „Unter­schrift“ in der Kanz­lei des Rechts­an­walts ist von einer – aller­dings kaum vor­stell­ba­ren – Kanz­lei­or­ga­ni­sa­ti­on zu unter­schei­den, die den Ver­sand von aus­schließ­lich mit einer Fak­si­mi­le-Unter­schrift ver­se­he­nen, durch kei­nen Rechts­an­walt abschlie­ßend geprüf­ten Schrei­ben zulässt und hier­durch eine beson­ders hohe Gefahr von Ver­stö­ßen gegen berufs­recht­li­che Pflich­ten her­vor­ruft.

Es ist indes gera­de das vom Rechts­an­walt ein­ge­rich­te­te bezie­hungs­wei­se mit sei­nem Ein­ver­ständ­nis ein­ge­rich­te­te Sys­tem der – schein­bar – zwei­fa­chen anwalt­li­chen Unter­zeich­nung aus­ge­hen­der Schrei­ben, das die ihn per­sön­lich tref­fen­de Pflicht zur Prü­fung von Ver­stö­ßen gegen das Umge­hungs­ver­bot nach § 12 BORA begrün­det. Mit der Unter­zeich­nung – mit Aus­nah­me ein­fa­cher Mahn­schrei­ben – aller aus­ge­hen­den Schrei­ben durch zwei Rechts­an­wäl­te ein­schließ­lich des Rechts­an­walts als Namens­ge­ber der Rechts­an­walts­kanz­lei wird gegen­über den Adres­sa­ten der Schrei­ben der Ein­druck einer per­sön­li­chen Bear­bei­tung durch bei­de Rechts­an­wäl­te und damit der Ein­druck einer mit erhöh­ter fach­li­cher Kom­pe­tenz erfolg­ten Bear­bei­tung her­vor­ge­ru­fen. Mag die Anbrin­gung eines Fak­si­mi­le-Stem­pels auch nicht – wie aus­ge­führt – den Form­erfor­der­nis­sen des § 130 Nr. 6 ZPO oder den Vor­aus­set­zun­gen einer per­sön­li­chen Unter­zeich­nung genü­gen, so über­nimmt der Rechts­an­walt damit doch die (Mit)Verantwortung für der­art gestem­pel­te Schrei­ben und für die Ein­hal­tung der mit ihnen ein­her gehen­den berufs­recht­li­chen Pflich­ten. Der durch den Fak­si­mi­le-Stem­pel gesetz­te Schein einer per­sön­li­chen Bear­bei­tung und Prü­fung ist mit einer völ­li­gen Ver­ant­wor­tungs- und Pflich­ten­frei­heit des Rechts­an­walts für das betref­fen­de Schrei­ben unver­ein­bar. Viel­mehr begrün­det der auf Anwei­sung oder mit Ein­ver­ständ­nis des Rechts­an­walts ange­brach­te Fak­si­mi­le-Stem­pel grund­sätz­lich die Pflicht des Rechts­an­walts zur per­sön­li­chen Prü­fung der Ein­hal­tung aller mit dem ent­spre­chen­den Schrei­ben in Zusam­men­hang ste­hen­den berufs­recht­li­chen Pflich­ten.

Auch hat der Rechts­an­walt nicht dadurch den ihn tref­fen­den Sorg­falts­pflich­ten genügt, dass alle Mit­ar­bei­ter über das Umge­hungs­ver­bot gemäß § 12 BORA belehrt und ange­wie­sen wur­den sicher­zu­stel­len, dass geg­ne­ri­sche Rechts­an­wäl­te in die bestehen­den Datei­sys­te­me auf­ge­nom­men wer­den, und dass Sor­ge dafür zu tra­gen ist, dass die wei­te­re Kom­mu­ni­ka­ti­on mit der Gegen­sei­te aus­schließ­lich über den geg­ne­ri­schen Rechts­an­walt aus­ge­führt wird. In Fol­ge der Anbrin­gung des Fak­si­mi­le-Stem­pels auf sei­ne Anwei­sung oder mit sei­nem Ein­ver­ständ­nis über­nahm der Rechts­an­walt die (Mit)Verantwortung für die gestem­pel­ten Schrei­ben. Ihn traf in Bezug auf die­se Schrei­ben daher die per­sön­li­che, nicht dele­gier­ba­re Pflicht der Ein­hal­tung des berufs­recht­li­chen Umge­hungs­ver­bots nach § 12 BORA und zur ent­spre­chen­den Prü­fung der Schrei­ben.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 26. Okto­ber 2015 – AnwZ (Brfg) 25/​15

  1. BVerfG, NJW 2009, 829 Rn. 48 ; NJW 2001, 3325, 3326 ; BGH, Urtei­le vom 06.07.2015 aaO Rn. 15 ; und vom 08.02.2011 – VI ZR 311/​09, NJW 2011, 1005 Rn. 6 ; Thüm­mel, NJW 2011, 1850, 1851 ; Böhn­lein in Feuerich/​Weyland, BRAO, 8. Aufl., § 12 BORA Rn. 1 mwN[]
  2. AnwG Köln, AnwBl.2010, 134, 136 ; Böhn­lein in Feuerich/​Weyland aaO § 12 BORA Rn. 10 ; Klei­ne-Cosack, BRAO, 7. Aufl., § 12 BORA Rn. 13 ; a.A. Har­tung in Har­tung, BORA/​FAO, 5. Aufl., § 12 Rn. 27[]
  3. Zuck in Gaier/​Wolf/​Göcken, Anwalt­li­ches Berufs­recht, 2. Aufl., § 12 BORA Rn. 30 ; Har­tung aaO Rn. 28 ; AnwG Köln aaO[]
  4. Sächs. AnwGH, Urteil vom 27.02.2015 – AGH 19/​13 (I) []