Punk­te­sys­tem bei der Beset­zung von Notar­stel­len

Die fach­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on eines Rechts­an­walts für das ange­streb­te Amt des Notars wird bun­des­weit anhand von Punk­te­sys­te­men ermit­telt. Es ist gefes­tig­te Recht­spre­chung des Senats, dass die auf­grund der Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts geän­der­ten Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten der Län­der den Vor­ga­ben des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts aus­rei­chend Rech­nung tra­gen [1].

Punk­te­sys­tem bei der Beset­zung von Notar­stel­len

Die Anzahl der Son­der­punk­te bemisst sich nach der Dau­er der Ver­tre­ter- und Ver­wal­ter­tä­tig­keit sowie nach dem am Urkund­s­auf­kom­men ori­en­tier­ten Umfang des Nota­ri­ats durch die Stu­fen „unter­durch­schnitt­lich, durch­schnitt­lich und über­durch­schnitt­lich“. Die Urkund­s­zah­len flie­ßen somit als Indi­ka­tor für die mit der Lei­tung eines Nota­ri­ats ver­bun­de­ne Füh­rungs­ver­ant­wor­tung in orga­ni­sa­to­ri­scher, per­so­nel­ler und tech­ni­scher Hin­sicht ein. Die Erfah­run­gen, die der jewei­li­ge Bewer­ber in die­ser Bezie­hung gewon­nen hat, wer­den auf die­se Wei­se hin­rei­chend hono­riert [2].

Sind Umstän­de bereits im Rah­men des Punk­te­sys­tems gewer­tet wor­den, ist es nicht zuläs­sig, die­sel­ben Umstän­de im Rah­men eines Indi­vi­du­al­ver­gleichs der Bewer­ber noch­mals zu berück­sich­ti­gen. Für eine der­art anlass­lo­se Prü­fung fehlt es man­gels brauch­ba­rer Bewer­tungs­kri­te­ri­en an einer trag­fä­hi­gen Grund­la­ge. Sie wür­de im Ergeb­nis nur zu einer will­kür­li­chen Abwei­chung von der ermit­tel­ten Rang­ord­nung füh­ren [3]. Mit der blo­ßen Dau­er einer „prak­ti­schen Büro­füh­rung“ ist eine son­der­punkt­fä­hi­ge Zusatz­qua­li­fi­zie­rung nicht zu bele­gen [4]. Zwi­schen den bei­den Betä­ti­gungs­for­men Nota­ri­ats­ver­wal­tung und Nota­ri­ats­ver­tre­tung wird nach dem Wort­laut des hier maß­geb­li­chen Abschnitts III Nr. 12 Ziff. 2 f aa AVNot nicht unter­schie­den. Dies ist nicht zu bean­stan­den, weil bei der not­wen­di­gen gene­ra­li­sie­ren­den Betrach­tungs­wei­se nicht erkenn­bar ist, dass die grund­sätz­lich auf die blo­ße Abwick­lung der von dem Notar begon­ne­nen Amts­ge­schäf­te gerich­te­te Tätig­keit als Nota­ri­ats­ver­wal­ter den Bewer­ber ihrer Art nach bes­ser auf das Notar­amt vor­be­rei­tet als eine Notar­ver­tre­tung [5]. Der oft­mals län­ge­ren Dau­er der Nota­ri­ats­ver­wal­tung trägt die Beklag­te Rech­nung, indem sie die Zeit­span­nen, in denen der Bewer­ber einen Notar ver­tre­ten oder ein Nota­ri­at ver­wal­tet hat, bei der Bemes­sung der Son­der­punk­te berück­sich­tigt. Der Gefahr, dass Kurz­ver­tre­tun­gen ohne wesent­li­chen Erkennt­nis­ge­winn für den Bewer­ber ein unan­ge­mes­se­nes Gewicht erhal­ten, wirkt sie dadurch ent­ge­gen, dass sie für die Notar­ver­tre­tung Son­der­punk­te erst ab einer jähr­li­chen Ver­tre­tungs­dau­er von vier Wochen gewährt.

Die für die blo­ße Anwalts­tä­tig­keit ohne notar­na­hen Bezug anzu­rech­nen­den Punk­te hono­rie­ren ledig­lich die für die künf­ti­ge nota­ri­el­le Tätig­keit nütz­li­chen all­ge­mei­nen Kennt­nis­se der Pra­xis der Rechts­be­sor­gung und ihrer orga­ni­sa­to­ri­schen Bewäl­ti­gung, die Sicher­heit des Bewer­bers im Umgang mit dem recht­su­chen­den Publi­kum sowie das durch die Erfah­rung gewon­ne­ne Ver­ständ­nis für des­sen Anlie­gen [6]. Die für notar­na­he anwalt­li­che Tätig­kei­ten zu ver­ge­ben­den Son­der­punk­te berück­sich­ti­gen hin­ge­gen die über die­se all­ge­mei­nen Erkennt­nis­se hin­aus­ge­hen­den beson­de­ren Erfah­run­gen, die der Bewer­ber bei der Bear­bei­tung notar­spe­zi­fi­scher Rechts­ma­te­ri­en gewon­nen hat. Bei­de Tätig­keits­be­rei­che sind zu berück­sich­ti­gen. Sie wür­di­gen unter­schied­li­che Qua­li­fi­ka­tio­nen. Dem­entspre­chend wur­den der Klä­ge­rin für die Dau­er der haupt­be­ruf­li­chen Anwalts­tä­tig­keit 20,50 Punk­te ange­rech­net. Einer Über­ge­wich­tung der Dau­er der haupt­be­ruf­li­chen Tätig­keit als Rechts­an­wäl­tin oder als Rechts­an­walt wird nach dem Punk­te­sys­tem der Beklag­ten dadurch vor­ge­beugt, dass die­se Tätig­keit maxi­mal mit 30 Punk­ten für eine anwalt­li­che Tätig­keit von 10 Jah­ren bewer­tet wer­den kann. Es ist auch zu berück­sich­ti­gen, dass bei der not­wen­di­gen gene­ra­li­sie­ren­den Betrach­tungs­wei­se, von Aus­nah­men abge­se­hen, eine Anwalts­kanz­lei mit einem durch­schnitt­li­chen Tätig­keits­pro­fil regel­mä­ßig in gewis­sem Umfang Vor­gän­ge zu bear­bei­ten hat, die nähe­re Bezü­ge zu nota­ri­el­len Auf­ga­ben auf­wei­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. Juli 2012 – NotZ (Brfg) 7/​11

  1. vgl. hier­zu infor­ma­tiv Schlick, ZNotP 2010, 362, 365[]
  2. vgl. Senat, Beschluss vom 14.04.2008 – NotZ 121/​07, DNotZ 2008, 868[]
  3. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 23.07.2007 – NotZ 8/​07, ZNotP 2007, 475, 477 Rn. 14 ; vom 14.04.2008 – NotZ 100/​07 ; und vom 22.03.2010 – NotZ 20/​09[]
  4. vgl. Senat, Beschluss vom 20.11.2006 – NotZ 4/​06, ZNotP 2007, 109[]
  5. Senat, Beschluss vom 14.04.2008 – NotZ 121/​07, DNotZ 2008, 868[]
  6. vgl. Senat, Beschlüs­se vom 22.11.2004 – NotZ 16/​04, NJW 2005, 212, 214 und vom 14.04.2008 – NotZ 100/​07, BRAKMitt.2008, 181 ; Regie­rungs­be­grün­dung des Ent­wurfs des Zwei­ten Geset­zes zur Ände­rung der Bun­des­no­tar­ord­nung, BT-Drucks. 11/​6007 S. 10[]