Fach­an­walt für Bau- und Archi­tek­ten­recht – und das Min­dest­quo­rum selb­stän­di­ger Beweis­ver­fah­ren

Nach § 43c Abs. 1 Satz 1 BRAO, § 2 Abs. 1 FAO hat der Antrag­stel­ler beson­de­re theo­re­ti­sche Kennt­nis­se und beson­de­re prak­ti­sche Erfah­run­gen nach­zu­wei­sen, die dem­nach erheb­lich das Maß des­sen über­stei­gen müs­sen, was übli­cher­wei­se durch die beruf­li­che Aus­bil­dung und prak­ti­sche Erfah­rung im Beruf ver­mit­telt wird (§ 2 Abs. 2 FAO). Der Erwerb beson­de­rer prak­ti­scher Erfah­run­gen im Bau- und Archi­tek­ten­recht setzt dabei nach § 5 Abs. 1 Buchst. l FAO 80 Fäl­le, davon min­des­tens 40 gericht­li­che Ver­fah­ren vor­aus, unter denen sich min­des­tens sechs selb­stän­di­ge Beweis­ver­fah­ren befin­den müs­sen ; jeweils min­des­tens fünf Fäl­le müs­sen sich auf die in § 14e Nr. 1 und 2 FAO bezeich­ne­ten Berei­che (Bau­ver­trags­recht, Recht der Archi­tek­ten und Inge­nieu­re) bezie­hen.

Fach­an­walt für Bau- und Archi­tek­ten­recht – und das Min­dest­quo­rum selb­stän­di­ger Beweis­ver­fah­ren

Es kann für den Bun­des­ge­richts­hof kei­nem Zwei­fel unter­lie­gen, dass die Fer­tig­kei­ten in der Ver­fah­rens- und Pro­zess­füh­rung gera­de das Fach­ge­biet Bau- und Archi­tek­ten­recht betref­fen müs­sen [1], der Bewer­ber also nicht Beweis­ver­fah­ren aus jed­we­dem Rechts­ge­biet nach­zu­wei­sen berech­tigt ist. Dies fin­det im Wort­laut von § 5 Abs. 1 Buchst. l FAO („davon min­des­tens sechs selb­stän­di­ge Beweis­ver­fah­ren …“) sowie in dem in § 14e Nr. 5 FAO ver­wen­de­ten Begriff der „Beson­der­hei­ten …“ sei­ne Bestä­ti­gung.

Aller­dings kann es nach stän­di­ger Recht­spre­chung genü­gen, wenn die zugrun­de lie­gen­de Kon­stel­la­ti­on einen hin­rei­chen­den, d.h. kon­kret fest­zu­stel­len­den Bezug zum jewei­li­gen Fach­ge­biet auf­weist ; hier­für ist erfor­der­lich, dass Fra­gen aus dem Rechts­ge­biet erheb­lich sind oder erheb­lich wer­den kön­nen [2].

Wenn­gleich das selb­stän­di­ge Beweis­ver­fah­ren auf die Ermitt­lung tat­säch­li­cher Umstän­de gerich­tet ist, Rechts­fra­gen also nicht zen­tral inmit­ten ste­hen [3], muss sich der erfor­der­li­che Bezug zum Fach­ge­biet doch in sei­nem Gegen­stand wider­spie­geln. Die bloß theo­re­ti­sche Mög­lich­keit, dass in einem trotz des mit dem selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren ver­folg­ten Zie­les der Ver­mei­dung eines Rechts­streits (§ 485 Abs. 2 Satz 2 ZPO) doch nach­ge­hen­den Zivil­pro­zess Fra­gen des öffent­li­chen Bau­rechts unter Umstän­den auch zur Spra­che kom­men könn­ten, kann nicht genü­gen.

Der Bun­des­ge­richts­hof braucht daher nicht zu ent­schei­den, ob im Rege­lungs­be­reich des § 5 Abs. 1 Buchst. l FAO zumin­dest die sechs selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren nur dann „zäh­len“, wenn sie wenigs­tens auch kon­kre­te Bezü­ge zu den Kern­be­rei­chen der der Fach­an­walts­be­zeich­nung Bau- und Archi­tek­ten­recht zuge­wie­se­nen Mate­rie (§ 14e Nr. 1 und 2 FAO) ent­hal­ten. Dafür spricht, dass der Sat­zungs­ge­ber mit dem Erfor­der­nis ersicht­lich bezweckt hat, die beson­de­ren prak­ti­schen Erfah­run­gen des Bewer­bers in die­sem gera­de im (pri­va­ten) Bau­ver­trags- und Archi­tek­ten­recht tat­säch­lich beson­ders rele­van­ten und oft­mals nicht ein­fa­chen Ver­fah­ren [4] zu gewähr­leis­ten [5]. Dar­über hin­aus ist das öffent­li­che Bau­recht „klas­si­sches“ Auf­ga­ben­ge­biet des Fach­an­walts für Ver­wal­tungs­recht (§ 8 Nr. 2 Buchst. a FAO), wohin­ge­gen es für das hier rele­van­te Fach­ge­biet in § 14e Nr. 4 FAO auf die Grund­zü­ge beschränkt wur­de (vgl. zu § 5 Abs. 1 Buchst. c, § 10 Nr. 1 FAO a.F. BGH, Beschluss vom 25.02.2008 – AnwZ (B) 17/​07, NJW-RR 2008, 925 Rn. 10 ff.).

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs [6] ist im Anschluss an die Ermitt­lung der berück­sich­ti­gungs­fä­hi­gen Fäl­le zu prü­fen, wel­ches Gewicht den ein­zel­nen Fäl­len zukommt, d.h., ob Bedeu­tung, Umfang und Schwie­rig­keit ein­zel­ner Fäl­le zu einer höhe­ren oder nied­ri­ge­ren Gewich­tung füh­ren (§ 5 Abs. 4 FAO).

Soweit davon aus­ge­gan­gen wird, dass bei Ver­feh­len der in der Fach­an­walts­ord­nung für den Erwerb der beson­de­ren prak­ti­schen Erfah­run­gen in § 5 FAO vor­ge­ge­be­nen Min­dest­quo­ren das Defi­zit in einem Fach­ge­spräch kom­pen­siert wer­den kann, ent­spricht dies nicht der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs [7]. Wäh­rend der Erwerb beson­de­rer theo­re­ti­scher Kennt­nis­se nach § 4 Abs. 1 FAO nur „in der Regel“ den Besuch eines fach­an­walts­spe­zi­fi­schen Lehr­gangs vor­aus­setzt [8], sind die Fall­zah­len in § 5 FAO vom Sat­zungs­ge­ber abso­lut vor­ge­ge­ben. Der Erwerb beson­de­rer prak­ti­scher Erfah­run­gen im Bau- und Archi­tek­ten­recht setzt danach nicht im Regel­fall, son­dern aus­nahms­los die Min­dest­zahl von sechs selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren vor­aus (§ 5 Abs. 1 Buchst. l FAO), die der Klä­ger indes­sen nicht erreicht hat. Des­halb durf­te ein Fach­ge­spräch nicht durch­ge­führt wer­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. März 2014 – AnwZ (Brfg) 60/​12

  1. vgl. auch Schar­mer in Har­tung, BORA/​FAO, 5. Aufl., § 14e FAO Rn. 12[]
  2. BGH, Beschluss vom 06.03.2006 – AnwZ (B) 36/​05, NJW 2006, 1513, teil­wei­se nicht abge­druckt in BGHZ 166, 292, Rn. 22, 29 [zum Steu­er­recht]; vom 20.04.2009 – AnwZ (B) 48/​08, BRAK-Mitt.2009, 177 Rn. 8 [zum Erbrecht][]
  3. vgl. etwa Münch­Komm-ZPO/­Schrei­ber, 4. Aufl., § 485 Rn. 1 m.w.N.[]
  4. vgl. etwa Koeb­le in Kniffka/​Koeble, Kom­pen­di­um des Bau­rechts, 3. Aufl., 2. Teil, Rn. 41 ff.[]
  5. vgl. auch Offer­mann-Burck­art, aaO, § 14e FAO Rn. 12 ; Schar­mer, aaO[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 08.04.2013 – AnwZ (Brfg) 54/​11, BGHZ 197, 118 Rn.20 ff.[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 16.12 2013 – AnwZ (Brfg) 29/​12, AnwBl.2014, 270 Rn. 28 f. m.w.N.[]
  8. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 30.05.2012 – AnwZ (Brfg) 3/​12, BRAK-Mitt.2012, 243 Rn. 6[]