Der ver­mu­te­te Ver­mö­gens­ver­fall – und sei­ne Wider­le­gung

Ein Rechts­an­walt, der im Schuld­ner­ver­zeich­nis ein­ge­tra­gen ist, muss zur Wider­le­gung der Ver­mu­tung des Ver­mö­gens­ver­falls ein voll­stän­di­ges und detail­lier­tes Ver­zeich­nis sei­ner Gläu­bi­ger und Ver­bind­lich­kei­ten vor­le­gen und kon­kret dar­le­gen, dass sei­ne Ver­mö­gens- und Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se nach­hal­tig geord­net sind [1].

Der ver­mu­te­te Ver­mö­gens­ver­fall – und sei­ne Wider­le­gung

Nach der in § 14 Abs. 2 Nr. 7 BRAO zum Aus­druck kom­men­den Wer­tung des Gesetz­ge­bers ist mit einem Ver­mö­gens­ver­fall eines Rechts­an­walts grund­sätz­lich eine Gefähr­dung der Inter­es­sen der Recht­su­chen­den ver­bun­den. Auch wenn die­se Rege­lung nicht im Sin­ne eines Auto­ma­tis­mus zu ver­ste­hen ist, die Gefähr­dung daher nicht zwangs­läu­fig und aus­nahms­los schon aus dem Vor­lie­gen eines Ver­mö­gens­ver­falls folgt, kann die Gefähr­dung im nach der gesetz­li­chen Wer­tung vor­ran­gi­gen Inter­es­se der Recht­su­chen­den nur in sel­te­nen Aus­nah­me­fäl­len ver­neint wer­den. Hier­für trägt der Rechts­an­walt die Fest­stel­lungs­last [2].

Wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits viel­fach ent­schie­den hat, reicht eine lang­jäh­ri­ge bean­stan­dungs­freie Anwalts­tä­tig­keit allein nicht aus, um eine Gefähr­dung der Recht­su­chen­den aus­zu­schlie­ßen [3]. Kei­nes­wegs genügt inso­fern auch der Umstand, dass in einem Ver­zeich­nis nach § 882b ZPO ein­ge­tra­ge­ne Rechts­an­wäl­te einer beson­de­ren Über­wa­chung durch die Zwangs­voll­stre­ckungs­or­ga­ne und ihrer Gläu­bi­ger unter­lie­gen. Eine sol­che „Über­wa­chung“ ist nicht geeig­net, die Gefahr aus­zu­schlie­ßen, dass der in Ver­mö­gens­ver­fall gera­te­ne Rechts­an­walt ihm anver­trau­te Gel­der – wenigs­tens zeit­wei­se – für eige­ne Zwe­cke ver­wen­det.

Der Wider­ruf der Zulas­sung ver­stößt in einem sol­chen Fall nicht gegen den Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit. Die Rege­lung des § 14 Abs. 2 Nr. 7 BRAO dient dem Schutz der Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Rechts­pfle­ge, also eines über­ra­gend wich­ti­gen Gemein­schafts­guts [4]. Mil­de­re, eben­so wirk­sa­me Maß­nah­men, die dem Anlie­gen des Geset­zes in glei­cher Wei­se Rech­nung trü­gen, kom­men – abge­se­hen von Aus­nah­me­fäl­len – nicht in Betracht.

Die Annah­me eines Aus­nah­me­falls, in dem trotz Ver­mö­gens­ver­falls des Rechts­an­walts eine Gefähr­dung der Inter­es­sen der Recht­su­chen­den nicht gege­ben ist, setzt zumin­dest vor­aus, dass der Rechts­an­walt – im Wege der Selbst­be­schrän­kung – sei­ne anwalt­li­che Tätig­keit nur noch für eine Rechts­an­walts­so­zie­tät aus­übt und mit die­ser recht­lich abge­si­cher­te Maß­nah­men ver­ab­re­det hat, die eine Gefähr­dung der Man­dan­ten effek­tiv ver­hin­dern [5].

Eine in die­sem Zusam­men­hang als mil­de­res Mit­tel ange­führ­te Zulas­sung zur Rechts­an­walt­schaft mit Auf­la­gen kommt nicht in Betracht. Nach § 14 Abs. 2 Nr. 7 BRAO ist die Zulas­sung zur Rechts­an­walt­schaft zu wider­ru­fen, wenn der Rechts­an­walt in Ver­mö­gens­ver­fall gera­ten ist, es sei denn, dass dadurch die Inter­es­sen der Recht­su­chen­den nicht gefähr­det sind. Nach die­ser Norm ist die Zulas­sung zur Rechts­an­walt­schaft bei Vor­lie­gen der genann­ten Vor­aus­set­zun­gen zwin­gend zu wider­ru­fen. Sie lässt kei­nen Raum für einen nur teil­wei­sen Wider­ruf der Zulas­sung zur Rechts­an­walt­schaft oder eine Zulas­sung unter Auf­la­gen [6]. Zudem ist die – von einer Selbst­be­schrän­kung des Rechts­an­walts zu unter­schei­den­de – hoheit­li­che Beschrän­kung der Tätig­keit des Rechts­an­walts im Sin­ne einer Teil­zu­las­sung zur Rechts­an­walt­schaft oder einer Zulas­sung unter Auf­la­gen mit der gesetz­lich bestimm­ten Stel­lung des Rechts­an­walts nicht ver­ein­bar [7].

Die Rege­lung in § 14 Abs. 2 Nr. 7 BRAO ist ver­fas­sungs­ge­mäß. Sie steht ins­be­son­de­re im Ein­klang mit Art. 3, 12 GG und dem Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­satz [8].

Es ist in die­sem Zusam­men­hang auch nicht unver­hält­nis­mä­ßig bezie­hungs­wei­se eine unge­recht­fer­tig­te Ungleich­be­hand­lung, wenn im Fall eines in einem Ver­zeich­nis nach § 882b ZPO ein­ge­tra­ge­nen Rechts­an­walts, der über kei­ne Liqui­di­tät ver­fügt und sein wesent­li­ches Ver­mö­gen in Immo­bi­li­en ange­legt hat, ein Ver­mö­gens­ver­fall und eine Gefähr­dung der Inter­es­sen der Recht­su­chen­den ange­nom­men wer­den, nicht hin­ge­gen – abhän­gig von den Umstän­den des Ein­zel­falls – bei einem ver­schul­de­ten, aber über eine Liqui­di­täts­re­ser­ve ver­fü­gen­den Rechts­an­walt. Denn nur liqui­de Ver­mö­gens­wer­te ste­hen dem Rechts­an­walt zur Til­gung sei­ner Ver­bind­lich­kei­ten zur Ver­fü­gung und kön­nen daher im Ein­zel­fall der Annah­me eines Ver­mö­gens­ver­falls ent­ge­gen­ste­hen [9].

Für die Beur­tei­lung der Recht­mä­ßig­keit des Wider­rufs einer Zulas­sung zur Rechts­an­walt­schaft ist nach der mit Wir­kung ab 1.09.2009 erfolg­ten Ände­rung des Ver­fah­rens­rechts allein auf den Zeit­punkt des Abschlus­ses des behörd­li­chen Wider­rufs­ver­fah­rens, also auf den Erlass des Wider­spruchs­be­scheids oder – wenn das nach neu­em Recht grund­sätz­lich vor­ge­schrie­be­ne Vor­ver­fah­ren ent­behr­lich ist – auf den Aus­spruch der Wider­rufs­ver­fü­gung abzu­stel­len ; die Beur­tei­lung danach ein­ge­tre­te­ner Ent­wick­lun­gen ist einem Wie­der­zu­las­sungs­ver­fah­ren vor­be­hal­ten [10].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 13. Juli 2015 – AnwZ (Brfg) 17/​15

  1. vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 14.10.2014 – AnwZ (Brfg) 22/​14 ; und vom 06.02.2014 – AnwZ (Brfg) 83/​13, BRAK-Mitt.2014, 164 Rn. 5 ; jeweils m.w.N.[]
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 09.02.2015 – AnwZ (Brfg) 46/​14 12 ; und vom 06.02.2014 a.a.O. Rn. 7 ; jeweils m.w.N.[]
  3. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 17.07.2014 – AnwZ (Brfg) 78/​13 4 ; und vom 05.11.2013 – AnwZ (Brfg) 36/​13 6[]
  4. BGH, Beschlüs­se vom 02.10.2014 – AnwZ (Brfg) 30/​14 9 ; und vom 15.03.2012 – AnwZ (Brfg) 55/​11 11 ; jeweils m.w.N.[]
  5. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 24.10.2012 – AnwZ (Brfg) 43/​12 9 ; vom 26.08.2013 – AnwZ (Brfg) 31/​13 5 ; vom 08.12 2014 – AnwZ (Brfg) 45/​14 23 ; und vom 09.02.2015 a.a.O. Rn. 12 m.w.N.[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 08.12 2014 a.a.O. Rn. 21 ff. zum teil­wei­sen Wider­ruf der Zulas­sung zur Rechts­an­walt­schaft[]
  7. vgl. im Ein­zel­nen BGH, Beschluss vom 08.12 2014 a.a.O. Rn. 22 ff.[]
  8. st. Rspr.; vgl. nur Bun­des­ge­richts­hof, Beschlüs­se vom 22.05.2014 – AnwZ (Brfg) 15/​14 7 m.w.N.; vom 11.02.2014 – AnwZ (Brfg) 79/​13 ; und vom 22.06.2011 – AnwZ (Brfg) 12/​11 ; sie­he auch BVerfG, NJW 2005, 3057 zur Par­al­lel­re­ge­lung in § 50 Abs. 1 Nr. 6 BNo­tO[]
  9. vgl. im Ein­zel­nen BGH, Beschluss vom 09.02.2015 – AnwZ (Brfg) 46/​14, m.w.N.[]
  10. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 29.06.2011 – AnwZ (Brfg) 11/​10, BGHZ 190, 187 Rn. 9 ff.; und vom 10.03.2014 – AnwZ (Brfg) 77/​13, m.w.N.[]