Der Straf­ver­tei­di­ger als Post­bo­te

Gibt ein Rechts­an­walt einen an sei­nen in Unter­su­chungs­haft befind­li­chen Man­dan­ten gerich­te­ten Brief des Haupt­be­las­tungs­zeu­gen, der für die Beur­tei­lung der Glaub­wür­dig­keit des Zeu­gen von Bedeu­tung ist, im Rah­men sei­ner Tätig­keit als Ver­tei­di­ger an den Gefan­ge­nen wei­ter, han­delt er nicht unbe­fugt im Sinn des § 115 Abs. 1 OWiG.

Der Straf­ver­tei­di­ger als Post­bo­te

Die Wei­ter­ga­be des Brie­fes durch den Straf­ver­tei­di­ger ist nicht unbe­fugt i.S.d. § 115 Abs. 1 OWiG. Viel­mehr ist sein Han­deln durch § 148 Abs. 1 StPO gedeckt, wonach dem nicht auf frei­em Fuß befind­li­chen Beschul­dig­ten schrift­li­cher und münd­li­cher Ver­kehr mit dem Ver­tei­di­ger gestat­tet ist.

Da ein unge­hin­der­ter Ver­kehr zwi­schen Ver­tei­di­ger und Beschul­dig­tem zu den unab­ding­ba­ren Vor­aus­set­zun­gen einer wirk­sa­men Straf­ver­tei­di­gung gehört [1], muss die Ver­tei­di­gung von jeder Behin­de­rung oder Erschwe­rung frei­ge­stellt, der Anwalt wegen sei­ner Inte­gri­tät als Organ der Rechts­pfle­ge jeder Beschrän­kung ent­ho­ben sein [2]. Aller­dings ist der Ver­kehr zwi­schen Ver­tei­di­ger und Beschul­dig­tem nur für die Zwe­cke der Ver­tei­di­gung frei. Das Ver­tei­di­ger­pri­vi­leg des § 148 Abs. 1 StPO ist des­halb auf sol­chen Ver­kehr beschränkt, der unmit­tel­bar der Vor­be­rei­tung oder Durch­füh­rung der Ver­tei­di­gung dient, und umfasst daher nur Schrift­stü­cke, die unmit­tel­bar das Straf­ver­fah­ren betref­fen [3].

Der vor­lie­gend von dem Straf­ver­tei­di­ger über­mit­tel­te Brief wies indes einen sol­chen direk­ten Bezug zur Ver­tei­di­gung auf. Zwar hat­te sich das mut­maß­li­che Opfer dar­in nicht zu dem Ver­ge­wal­ti­gungs­vor­wurf selbst geäu­ßert. Die in dem Schrei­ben zum Aus­druck gebrach­te posi­ti­ve Ein­stel­lung der Absen­de­rin gegen­über dem Adres­sa­ten war jedoch für die Glaub­haf­tig­keit der Aus­sa­ge des mut­maß­li­chen Tat­op­fers und damit für die Beur­tei­lung des dem Beschul­dig­ten gemach­ten Tat­vor­wurfs, der maß­geb­lich auf den Anga­ben des mut­maß­li­chen Tat­op­fers beruh­te, von Bedeu­tung und betraf des­halb unmit­tel­bar die Ver­tei­di­gung des Beschul­dig­ten gegen die­sen Tat­vor­wurf.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 3. Febru­ar 2014 – 2 (6) SsBs 628/​13 ; 2(6) SsBs 628/​13 – AK 166/​13

  1. vgl. BVerfG NJW 2007, 2749, 2750 ; 2010, 1740, 1741[]
  2. BGHSt 27, 260, 262 ; 53, 257, 261 ; NJW 1973, 2035[]
  3. BVerfG NJW 2010, 1740 ; BGHSt 26, 304 ; OLG Dres­den NStZ 1998, 535 ; LG Tübin­gen NStZ 2008, 643 ; Gür­t­ler in Göh­ler, OWiG, 16. Aufl., 2012, § 115 Rn. 21 ; Rogall in Karls­ru­her Kom­men­tar zum OWiG, 3. Aufl.2006, §115 Rn. 33 ; Rebmann/​Roth/​Hermann, OWiG, 3. Aufl., § 115 Rn. 24 ; krit. Wie­der StV 2010, 146[]