Der elek­tro­ni­sche Fris­ten­ka­len­der, die nicht ein­ge­tra­ge­ne Frist – und kei­ne Wie­der­ein­set­zung

Die Gewäh­rung von Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand setzt vor­aus, dass der Betei­lig­te ohne Ver­schul­den ver­hin­dert war, die ver­säum­te Frist ein­zu­hal­ten (§ 56 Abs. 1 FGO). Jedes Ver­schul­den ‑also auch ein­fa­che Fahr­läs­sig­keit- schließt die Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand aus [1]. Ein Ver­schul­den des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ist dem Betei­lig­ten nach § 155 FGO i.V.m. § 85 Abs. 2 der Zivil­pro­zess­ord­nung zuzu­rech­nen.

Der elek­tro­ni­sche Fris­ten­ka­len­der, die nicht ein­ge­tra­ge­ne Frist – und kei­ne Wie­der­ein­set­zung

Ange­hö­ri­ge der rechts- und steu­er­be­ra­ten­den Beru­fe müs­sen für eine zuver­läs­si­ge Fris­ten­kon­trol­le sor­gen und die Orga­ni­sa­ti­on des Büro­be­triebs so gestal­ten, dass Frist­ver­säum­nis­se ver­mie­den wer­den [2]. Wird ‑wie im Streit­fall- Wie­der­ein­set­zung wegen eines ent­schuld­ba­ren Büro­ver­se­hens begehrt, muss sub­stan­ti­iert und schlüs­sig vor­ge­tra­gen wer­den, dass kein Orga­ni­sa­ti­ons­feh­ler vor­liegt, d.h. dass der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te alle Vor­keh­run­gen getrof­fen hat, die nach ver­nünf­ti­gem Ermes­sen die Nicht­be­ach­tung von Fris­ten aus­zu­schlie­ßen geeig­net sind (z.B. BFH, Beschluss vom 14.12 2011 – X B 50/​11, BFH/​NV 2012, 440).

Bei einer elek­tro­ni­schen Fris­ten­kon­trol­le gel­ten kei­ne gerin­ge­ren Anfor­de­run­gen [3]. Dem­entspre­chend ist nach stän­di­ger und gefes­tig­ter Recht­spre­chung ein die Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand aus­schlie­ßen­des Orga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­den anzu­neh­men, wenn ein Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter einen EDV-gestütz­ten Fris­ten­ka­len­der ver­wen­det und die dort vor­ge­nom­me­nen Ein­tra­gun­gen nicht durch Aus­ga­be der ein­ge­ge­be­nen Ein­zel­vor­gän­ge über den Dru­cker oder durch Aus­ga­be eines Feh­ler­pro­to­kolls durch das Pro­gramm kon­trol­liert wer­den [4]. Die Kon­trol­le ist erfor­der­lich, um nicht nur Daten­ver­ar­bei­tungs­feh­ler des EDV-Pro­gramms, son­dern auch Ein­ga­be­feh­ler oder ‑ver­säum­nis­se mit gerin­gem Auf­wand zu erken­nen und zu besei­ti­gen (z.B. BGH, Beschluss in NJW-RR 2012, 1085).

Danach haben im vor­lie­gen­den Fall nach Ansicht des Bun­des­fi­nanz­hofs die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ger die Revi­si­ons­frist nicht ohne Ver­schul­den ver­säumt. Nach ihrem Vor­brin­gen han­del­te es sich um eine erst­ma­li­ge Fehl­leis­tung der ansons­ten zuver­läs­si­gen Mit­ar­bei­te­rin Z durch Ver­ges­sen, Über­se­hen oder nicht erfolg­ter Abspei­che­rung des Doku­ments. Die von der Recht­spre­chung gefor­der­te Kon­trol­le der Ein­ga­ben in das EDV-Pro­gramm war dem dar­ge­leg­ten orga­ni­sa­to­ri­schen Ablauf zufol­ge nicht vor­ge­se­hen und ist offen­bar auch tat­säch­lich nicht durch­ge­führt wor­den. Denn andern­falls hät­te auf­fal­len müs­sen, dass die Erfas­sung im Sys­tem auf dem Urteil doku­men­tiert wur­de, obwohl sie tat­säch­lich nicht erfolgt war.

Im Übri­gen tra­gen die Klä­ger zwar vor, das Urteil habe bei der erst­ma­li­gen Vor­la­ge an den Steu­er­be­ra­ter „alle inter­nen Prüf­merk­ma­le“ auf­ge­wie­sen. Tat­säch­lich war jedoch nur ein schlich­ter Ein­gangs­stem­pel ange­bracht. Ob eine Erfas­sung im Fris­ten­kon­troll­pro­gramm vor­ge­nom­men wor­den war, war für den Steu­er­be­ra­ter damit nicht erkenn­bar.

Auch wenn es sich bei der Nicht­er­fas­sung der Revi­si­ons­frist im elek­tro­ni­schen Fris­ten­ka­len­der um ein ein­ma­li­ges Ver­se­hen einer ansons­ten zuver­läs­si­gen Mit­ar­bei­te­rin han­deln soll­te, wäre dies bei einer ent­spre­chen­den Büro­or­ga­ni­sa­ti­on durch eine Kon­trol­le des Erfas­sungs­vor­gangs ver­meid­bar gewe­sen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 9. Janu­ar 2014 – X R 14/​13

  1. u.a. BFH, Beschluss vom 30.11.2010 – IV B 39/​10, BFH/​NV 2011, 613, m.w.N.[]
  2. u.a. BFH, Beschluss vom 27.07.2011 – IV B 131/​10, BFH/​NV 2011, 1909, m.w.N.[]
  3. vgl. BFH, Beschluss in BFH/​NV 2011, 1909[]
  4. vgl. BFH, Beschlüs­se vom 30.04.2013 – IV R 38/​11, BFH/​NV 2013, 1117 ; vom 06.08.2001 – II R 77/​99, BFH/​NV 2002, 44 ; BGH, Beschlüs­se vom 17.04.2012 – VI ZB 55/​11, NJW-RR 2012, 1085 ; vom 02.02.2010 – XI ZB 23–24/08, NJW 2010, 1363 ; vom 12.12 2005 – II ZB 33/​04, NJW-RR 2006, 500 ; vom 12.10.1998 – II ZB 11/​98, HFR 1999, 670 ; vom 20.02.1997 – IX ZB 111/​96, NJW-RR 1997, 698 ; vom 23.03.1995 – VII ZB 3/​95, HFR 1995, 674[]